Vielfalt: Easy to handle, or not?

Eine wissenschaftliche Abhandlung zur gesellschaftlichen Vielfalt aus eurozentrischer Perspektive.

 


Foto von Moon Kim auf Unsplash
Foto von Moon Kim auf Unsplash

 Dr. Martin J. Gössl

Freigegebenes und veröffentlichtes Skript

Graz, 3. überarb. Aufl. 2025 (orig. 2018)

   

Anmerkung: Für eine gute Nachvollziehbarkeit sind mit den bibliografischen Angaben in den Verweisen auch Hyperlinks gesetzt. Leider sind manche Literaturangaben und Quellen nicht online abrufbar bzw. können die Auflagen (erkennbar an der Angabe von Ort und Jahr) in den Seitenangaben voneinander abweichen. Die Pfade der Hyperlinks können sich verändern, wodurch Fehlermeldungen möglich sind.

 



Inhaltsverzeichnis

1. Eine einleitende Begrenzung

2. Eine etwas andere Geschichte

3. Der lange Arm einer Geschichte

4. Plötzlich alles anders mit 1968

5. Theorien zur Vielfalt

6. Vielfalt in Studien

7. Numerische Facetten einer Vielfalt

8. Einflussfaktoren und relevante Aspekte

9. Vielfaltsoktant

10. Abschließendes Fazit 

11. Vielfältige Übungen in der Gruppe



1. Eine einleitende Begrenzung


Ein Blick auf die aktuelle Welt zeigt, dass die gesellschaftliche Vielfalt mehr denn je an Sichtbarkeit, Diskussion und Reflexion erfährt als jemals zuvor, was sich unter anderem in den zahlreichen Initiativen, die dazu angeboten werden, widerspiegelt. Dabei sind Diversität, Diversity und Vielfalt Schlagworte, die in Medien, akademischen Diskursen und politischen Debatten verwendet werden, um entsprechende Positionen und Inhalte zu vermitteln. Dabei reicht die Bandbreite von arroganter Ablehnung (siehe: John Rosenberg, Roger Clegg, Against “Diversity”. In: National Association of Scholars, Academic Questions. USA 2012) bis hin zu euphorischer Folklore (siehe: Charta der Vielfalt e.V. [Hg.]. Vielfalt zeigen, Leitfaden für Unterzeichner/-innen der Charta der Vielfalt. Köln 2017), was die menschliche Vielfalt alles verhindert bzw. leisten kann.


In der folgenden Abhandlung soll dem Konzept einer gesellschaftlichen Vielfalt auf mehrdimensionaler Weise Rechnung getragen werden, um neben theoretischen Grundlagen und wissenschaftlichen Erkenntnissen auch praktischen Verweisen und abschließend einer analytischen Betrachtung Platz zu bieten. Nur diese Breite ermöglicht eine kritische Annäherung an das schwer fassbare Themengebiet Vielfalt. Dabei müssen sowohl interdisziplinäre Zugänge eingeschlagen als auch quantitative Ergebnisse zusammengeführt werden, um einer sich wiederholenden Best-Practice-Nennung zuvorzukommen. Sicherlich sind funktionierende Beispiele aus der Ökonomie und der Zivilgesellschaft gute Projektionsflächen für eine gelebte Vielfalt. Doch diese Darstellungen greifen meist zu kurz, da sie oftmals nur eine Präsentation von gelungenen Individualwegen sind. Daher ist es umso wichtiger, eine fundierte Basis für die Darstellung von Vielfalt und den damit verbundenen Notwendigkeiten zu formulieren.

 

Ebenso ergeben sich in fundierten Auseinandersetzungen Einschränkungen bzw. Grenzen der Gültigkeit, da das Faktische eine kulturelle, soziale und eben auch historische Verortung aufweist. Die folgenden Gedanken beziehen sich auf eine eurozentrische Perspektive, wobei Schlüsselmomente wie die Französische Revolution von 1789, die darauffolgende Aufklärung, die Industrialisierung, die Globalisierung, die 68er-Revolution und schließlich die Digitalisierung ausschlaggebend sind.

 

Eine geografische Abgrenzung wird gerade aufgrund der letzten Dimension immer schwieriger, da virtuelle Lebenswelten zunehmend überregionale Informationen ineinander vermengen. Dies wird besonders deutlich, wenn Subkulturen einer genaueren Betrachtung unterzogen werden (siehe: Martin J. Gössl. Unbehaglich Queer, Das ernste Spiel mit der Anerkennung. Bielefeld 2022).

 

In den folgenden Zeilen wird bewusst der Terminus Vielfalt als zuschreibende Bezeichnung eingesetzt. So kann einerseits die bestehende Neutralität dieser Begrifflichkeit genutzt werden – fernab einer kapitalistischen Vereinnahmung – und andererseits eine Überregionalität und Interdisziplinarität gewährleistet werden.


2. Eine etwas andere Geschichte


Eine historische Aufschlüsselung von gesellschaftlicher Vielfalt als Phänomen der bewussten Auseinandersetzung ist nur mithilfe schemenhafter Schlaglichter auf geschichtliche Ereignisse möglich. Ob die Französische Revolution, die erste Frauenbewegung oder die großen gesellschaftlichen Umwälzungen der 1960er Jahre als historische Referenzflächen dienen sollten, bleibt dabei ebenso offen wie willkürlich. Unbestritten ist hingegen die Wichtigkeit all dieser Ereignisse mit den dazugehörigen prägenden Momenten, die ein neues Verständnis von Menschen als gleichberechtigte Individuen ermöglichten.

 

So schaffte die Französische Revolution von 1789 nicht nur ein Umdenken in Bezug auf die Menschwerdung, sondern auch eine neue Form der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.
 Der berühmte Marsch der Pariser Frauen nach Schloss Versailles, bei dem sich eine organisierte Gruppe von Frauen, die sich noch unspezifisch ihrer Geschlechtsgenossenschaft, aber explizit in ihrem Leid als Menschen und Mütter verbunden fühlten, auf den Weg machte um eine Forderung laut auszusprechen, dokumentiert ein solches historisches Ereignis und bringt den einmaligen Charakter dieser Revolution auf den Punkt.
Diese Besonderheit erhält noch eine zusätzliche Bedeutungsschwere, wenn die Schriften von Olympe de Gouges ins Treffen geführt werden. De Gouges, eine der wohl berühmtesten Vertreterinnen der aufkommenden ersten Frauenbewegung, hat sich im Zuge der Französischen Revolution deutlich und sichtbar für die Stellung der Frau eingesetzt. Ein entsprechendes Zeitdokument mit bemerkenswertem Inhalt, nämlich dem Entwurf eines Gesellschaftsvertrags, verdeutlicht die kraftvolle Stimmung dieser politisch engagierten Französin des 18. Jahrhunderts und das Potenzial dieser Zeit. (siehe: Ute Gerhard. Frauenbewegung und Feminismus, Eine Geschichte seit 1789. München 2009. S. 9, ff;)


„Muster eines Gesellschaftsvertrages von Mann und Frau:
Wir, N und N, verbinden uns auf unseren eigenen Wunsch hin für die Zeit unseres Lebens und die Dauer unserer gegenseitigen Zuneigung zu folgenden Bedingungen: Wir beabsichtigen und wünschen unser Vermögen in die Gemeinschaft einzubringen, uns allerdings das Recht vorzubehalten, es zugunsten unserer und derjenigen Kinder zu teilen, die wir aus einer besonderen Neigung bekommen könnten, indem wir gegenseitig anerkennen, dass unser Besitzstand unmittelbar unseren Kindern zukommt, aus welchem Bett sie auch hervorgehen, und dass alle unterschiedslos das Recht haben, den Namen der Väter und Mütter zu tragen, die sie anerkannt haben, und wir auferlegen uns die Zustimmung zum Gesetz, das die Verleugnung seines eigenen Blutes bestraft. Wir verpflichten uns gleichermaßen, im Fall der Trennung die Teilung unseres Vermögens vorzunehmen und davon den gesetzlich ausgewiesenen Anteil unserer Kinder abzuziehen; und im Fall einer vollendeten Verbindung überlässt derjenige, der stirbt, die Hälfte seines Eigentums seinen Kindern; und wenn einer kinderlos stirbt, erbt rechtmäßig der Überlebende, sofern nicht der Sterbende über die Hälfte des gemeinsamen Besitzstandes zugunsten von etwas disponiert hat, das er für ratsam hielt.
Das ist ungefähr die Formulierung des ehelichen Aktes, den ich zur Durchführung vorschlage. Ich sehe schon, wie sich bei der Lektüre dieser sonderbaren Schrift die Heuchler, die Prüden, der Klerus und die ganze höllische Gefolgschaft gegen mich erheben. Aber wie viel an moralischen Mitteln wird sie den Weisen bieten, um die Vervollkommnung einer glücklichen Staatsführung zu erreichen! Ich werde in wenigen Worten den physischen Nachweis anführen. Der reiche Epikureer ohne Kinder hält es für ausgesprochen gut, zu seinem armen Nachbarn zu gehen, um dessen Familie zu vermehren. Wenn es ein Gesetz gäbe, das die Frau des Armen ermächtigte, den Reichen zur Annahme seiner Kinder zu zwingen, würden die gesellschaftlichen Bande fester und die Sitten feiner. Dieses Gesetz würde vielleicht das Wohl der Gemeinschaft erhalten und die Regellosigkeit aufhalten, die so viele Opfer in die Anstalten der Schande, der Niedertracht und der Entartung menschlicher Prinzipen führt, in denen die Natur seit langem wehklagt. Die Verächter der unverdorbenen Philosophie sollen also aufhören, sich gegen die ursprünglichen Sitten zu ereifern, oder sich an den Quellen ihrer Zitate abarbeiten.“ (Olympe de Gouges. Die Rechte der Frau. Paris 14. September 1791. Entnommen 8/2025: Frysak, http://olympe-de-gouges.info)


In diesem Auszug sprach Olympe de Gouges fundamentale Ungerechtigkeiten in der damaligen Gesellschaft an, die für Frauen tiefgreifende, überlebensbedrohliche Auswirkungen haben konnten. Dazu zählten beispielsweise uneheliche Kinder, Trennung vom Partner, ungerechte Erbschaftsfolgen, ungewollte Schwangerschaften, sexuelle Zwangsverhältnisse sowie kirchliche Moralvorstellungen zulasten von Frauen. All dies waren keine Einzelthemen weniger, sondern relevante Themen vieler. Das Konstrukt der „natürlichen Ehrwürdigkeit“ der Frau war nicht nur allgegenwärtig, sondern auch fragil. Sollte das dominante Verständnis von Ehre und weiblicher Tugendhaftigkeit aufgrund äußerer (Entmündigung) oder innerer (Widerstand) Umstände nicht mehr aufrechterhalten werden können, waren die Folgen oftmals brutal entwertend und häufig individuell zerstörend. Die Konsequenz war ein Leben in Armut, Not und Elend für eine Vielzahl von Frauen und ihren Kindern.


Mit diesem kraftvollen Auftakt der Frauen in eine gesellschaftliche Umwälzung jener Zeit durfte man auf einen kontinuierlichen Prozess hoffen, der sich jedoch – wie es allgemein für gesellschaftliche Bewegungen der Fall ist – nicht in dieser Form bewahrheitete. Die renommierte Soziologin Ute Gerhard verdeutlicht in ihrem grundlegenden Werk zum Themenkreis Frauenbewegung und Feminismus nicht nur die Wellen der frauenpolitischen Gleichstellung über die Jahrhunderte, sondern auch das wellenartige Engagement von Frauen (und manchmal auch Männern) für Frauenthemen. Sie zeigt auf, dass die Bewegung von und für Frauen nicht allein von Frauen getragen wurde, sondern dass sie stets ein breites Spektrum an Allianzen umfasste. Ute Gerhard nennt hierbei den Marquis Marie Jean Antoine de Condorcet als Beispiel, der gemeinsam mit seiner Frau nicht nur für Frauenrechte, sondern auch für die Sklavenbefreiung eintrat. (siehe: Ute Gerhard. Frauenbewegung und Feminismus, Eine Geschichte seit 1789. München 2009. S. 14)


Diese Idee individuell verankerter Rechte blieb nicht auf Frankreich beschränkt, weshalb an vielen anderen Orten ein ähnlich revolutionäres Potenzial vorhanden war, wie das Wirken der anglo-irischen Intellektuellen und Feministin Mary Wollstonecraft bezeugt. Ähnlich wie ein Stein, der in einen stillen See geworfen wird und dabei gleichmäßige und weite Kreise um einen geographischen Raum zieht – einen Raum, den wir heute als "moderne" Welt zu fassen uns erlauben – galten nun die ausgesprochen philanthropischen Gedankengüter im Sinne der Gleichheit und Gleichberechtigung als unauslöschlich.

 

Die Historikerin Gabriella Hauch analysiert dazu treffend, wie schnell, weitreichend und tiefgreifend eine erste Frauenbewegung international voranschreiten konnte und dabei auch die österreichische Monarchie erfasste. Die Themen blieben dabei stark an einem politischen Element und der Forderung nach Partizipation verhaftet.

 

„Zu diesem Zeitpunkt [1849] waren europaweit das Staatsbürgertum ebenso wie die Begriffe ,Freiheit und ‚Gleichheit‘ und die Bereiche ‚Öffentlichkeit‘ und ‚Politik‘ männlich definiert, wenn auch sozial differenziert. Die rechtliche Basis dafür bildeten bürgerliche Gesetzeswerke wie in Frankreich der Code Civil 1804 oder das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch (ABGB) der Habsburgermonarchie von 1811. Darin wurde Privatleben im ‚Familienrecht‘ gesetzlich geregelt und von dem Bereich der Öffentlichkeit und der Politik abgegrenzt. Nicht nur die idealtypische bürgerliche Familie als quasi einzige Familienform wurde darin gesetzlich festgeschrieben, sondern auch die dualen Geschlechtscharaktere: ‚Der Mann ist das Haupt der Familie‘, hieß es im § 91 des ABGB.“ (Gabriella Hauch. Das "Geschlecht der Revolution" im tollen Jahr 1848/49. In: Fröhlich, Grandner, Weinzierl [Hg.]. 1848 im europäischen Kontext. Wien 1999. S. 78)


Wie die Historikerin für Österreich, Europa und die sich langsam formierende moderne Welt feststellt, drehte sich im 19. Jahrhundert die grundlegende Auseinandersetzung primär um die Einbeziehung von Frauen in die öffentlichen Diskurse und damit um ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Dieses Leben der Selbstbestimmung war nicht nur öffentlich wirksam, sondern wurde insbesondere von Männern dominiert. Die Forderung nach Partizipation richtete sich einerseits an Frauen, diese Öffentlichkeit einzufordern, und andererseits an Männer, Frauen den Zugang zu diesem Terrain der Macht nicht zu versperren. Doch die männlich dominierten Gegenbewegungen waren stark und so konnten vielerorts selbst moderate Forderungen, wie die Zulassung von Zuhörerinnen in den geschaffenen Parlamenten des Deutschen Bundes, nicht durchgängig umgesetzt werden. Dies befeuerte die zivilgesellschaftlichen Momente nachhaltig und brachte Gruppierungen wie die Nationalgardisten-Frauen hervor, die in Wien ihr aktives und passives Wahlrecht einforderten. (siehe: Gabriella Hauch. Das "Geschlecht der Revolution" im tollen Jahr 1848/49. In: Fröhlich, Grandner, Weinzierl [Hg.]. 1848 im europäischen Kontext. Wien 1999. S. 75, ff.)

 

Gabriella Hauch stellt dazu fest:


„[…] gesamteuropäisch ist zu beobachten, daß die zunehmende Demokratisierung der Gesellschaft - vorerst - auf Männer beschränkt blieb. Je mehr das männliche Individuum unabhängig von Klassen- oder Schichtzugehörigkeit sukzessive in das Staatsbürgertum integriert wurde, desto expliziter wurden Frauen per Geschlecht davon ausgeschlossen. Beim Wahlrecht wurde diese gegenläufige Entwicklung besonders deutlich. In diesem sehr komplizierten und regional unterschiedlich verlaufenden Prozeß verloren Frauen das ihnen aufgrund von Status und/oder Besitz früher zustehende 'Wahlrecht' in verschiedenen Kurien […]“ (Gabriella Hauch. Das "Geschlecht der Revolution" im tollen Jahr 1848/49. In: Fröhlich, Grandner, Weinzierl [Hg.]. 1848 im europäischen Kontext. Wien 1999. S. 77)

 

Die Vielfalt und die Reichweite der Erfolge, Stagnationen und Rückschritte im langen 19. Jahrhundert (siehe: Eric Hobsbawn. Das Zeitalter der Extreme. München 1998) sind das Ergebnis dieser äußerst schwierigen und dominanten gesellschaftlichen Prozesse. Jede Forderung polarisierte, motivierte und politisierte in tiefgreifenden Debatten, medialen Darstellungen und im zivilgesellschaftlichen Engagement.
In einer aktuellen historischen Betrachtung der ersten Frauenbewegung wird die weitreichende europäische Bedeutung deutlich, da aufgrund dieser langen Tradition der Auseinandersetzung wohl keine andere gesellschaftliche Kategorie eine derart umfassende Intensität in einem gesellschaftlichen Diskurs aufzuweisen vermag wie die Kategorie Geschlecht. Die daraus resultierende Bedeutung ist bis in die Gegenwart spürbar und zeigt sich in Frauenförderprogrammen, Nachteilsausgleichen oder Frauenschutzkonzepten.

 

Die Etablierung einer sozio-ökonomischen Frage, also jener von Klasse, Stand und finanziellen Ressourcen, bespannt die zweite große gesellschaftspolitische Leinwand des 19. Jahrhunderts mit ebensolcher Relevanz für das Verständnis gesellschaftlicher Vielfalt. Einer der führenden deutschen Sozialisten, August Bebel, nahm sich bereits 1879 dem großen Thema des Frauseins an, um eine Vielzahl von Themen aufzugreifen und das für viele dominierende Jahrhundertthema, die Verteilung von Kapital, mit der Situation der Frau zu verbinden. Das Kapitel zum Mädchenhandel macht diese Dringlichkeit deutlich. Dort stellte Bebel klar:


Unter solchen Verhältnissen hat der Handel mit Frauenfleisch großartige Dimensionen angenommen. Er wird in der bestorganisiertesten Weise auf größter Stufenleiter, und selten von den Augen der Polizei bemerkt, mitten in den Städten der Zivilisation und Kultur betrieben. Ein Heer von Maklern, Agenten und Transporteuren männlichen und weiblichen Geschlechts betreibt das Geschäft mit derselben Kaltblütigkeit, als handle es sich um den Vertrieb irgendeiner Ware. […] Deutschland genießt mit dem traurigen Ruf, Frauenmarkt für die halbe Welt zu sein.“ (August Bebel. Die Frau und der Sozialismus, 1879. Berlin 1985. S. 195, f)


August Bebel vertieft sich noch weiter:


Daß die Überzahl der Prostituierten ihre Lebensweise herzlich satt hat, ja dieselbe sie anekelt, ist eine Erfahrung, die alle Sachverständigen zugeben. […] Die Zahl der Prostituierten wächst in dem Maße, wie die Zahlen der Frauen wächst, die in den verschiedensten Industrie- und Gewerbezweigen als Arbeiterinnen beschäftigt und oft mit Löhnen abgefunden werden, die zum Sterben zu hoch, zum Leben zu niedrig sind. Die Prostitution wird gefördert durch die in der bürgerlichen Welt zur Notwendigkeit gewordenen industriellen Krisen, die Not und Elend in Hunderttausende von Familien tragen.“ (August Bebel. Die Frau und der Sozialismus, 1879. Berlin 1985. S. 199)


Mit der Kritik Bebels werden nicht nur die unmenschlichen Zustände dieser Zeit deutlich, sondern auch die wahren Untiefen alltäglicher Ungleichstellung sozialer Klassen und die damit verbundene differenzierte Heftigkeit für alle Menschen aufgrund grober, nicht verhandelbarer Zuschreibungen wie Geschlecht, Herkunft und sozialer Status.

 

In diesen großflächigen Diskursen entwickeln sich jedoch zunehmend kleinere Strömungen mit ebenfalls hoher Relevanz. Ein Beispiel hierfür ist die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts stattfindende lebendige Debatte um gleichgeschlechtliche Liebe (oftmals als Homophile-Bewegung bezeichnet). So wurde der Begriff Homosexualität 1869 vom ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny als Begriff erstmals verwendet. Allerdings nicht, um gleichgeschlechtlich Liebende zu denunzieren oder herabzuwürdigen, sondern um die Abschaffung der Strafbarkeit des Geschlechtsverkehrs zwischen Männern zu argumentieren. (siehe: Ski Hunter. Kertbeny Coins the Terms "Homosexual" and "Heterosexual". Entnommen: 8/2025. EBSCO, https://www.ebsco.com/research-starters/social-sciences-and-humanities/kertbeny-coins-terms-homosexual-and-heterosexual) 

 

Insbesondere Wissenschafter (dem damaligen Zugang an Universitäten geschuldet) und Denkerinnen dieser Zeit beschäftigen sich intensiv mit dem Menschen als sich entwickelndes, ein Geschlecht besitzendes und sexualisiertes Wesen. Dabei spielen neben der Anatomie auch soziale und kulturelle Faktoren eine Rolle. Richard Krafft-Ebing, Arzt und Wissenschafter des 19. Jahrhunderts, war einer der ersten, welcher ein Manuskript über die Auswirkungen des Geschlechts, einschließlich sexueller Anomalien, veröffentlichte (siehe: Richard von Krafft-Ebing. Psychopathia Sexualis, with special reference to Contrary Sexual Instinct, A Medico-Legal Study. Philadelphia 1894). Später folgten viele seinen Argumenten und erklärten, dass natürliche Instinkte und der Körper ein sexuelles Konstrukt seien, das als etwas Animalisches gebändigt werden müsse. Aus dieser Sicht ist der Körper schwach und bedarf eines kultivierten Geistes, der durch Bildung und Moral kontrolliert werden kann, um diese Schwäche zu überwinden. Im Gegensatz dazu vertrat Wilhelm Reich, Arzt und Psychoanalytiker, nur wenige Jahrzehnte später eine ganz andere wissenschaftliche Sichtweise auf Sexualität. Im Konflikt zwischen sexueller Natur und sexueller Kultur fordert er die Vorherrschaft derer, die die Wege der Natur kennen, denn die Natur ist die letzte Instanz für jedes Lebewesen. (siehe: Martin J. Gössl, The Sex and Social Work. Baden-Baden 2025. S. 11, ff.)

 

Doch auch hier sind es neben öffentlichen Personen Betroffene, die sich nun öffentlich zu Wort melden. Ein frühes Beispiel dazu ist Julius Zinner, welcher in einer Streitschrift der Frage nachgeht, ob die Bestrafung der Homosexuellen dem zeitgenössischen Rechtsempfinden entspricht. (siehe: Julius Zinner. Entspricht die Bestrafung der Homosexuellen unserem Rechtsempfinden? Graz 2009)


Die heute viel zitierte Intersektionalität (Kimberle Crenshaw. Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. In: University of Chicago Legal Forum. USA 1989) war zum damaligen Zeitpunkt zwar noch nicht konzeptionell formuliert, doch viele Denkende argumentierten bereits richtungsweisend hinsichtlich einer menschlichen Mehrdimensionalität. Mann-Sein, Frau-Sein, Bürgerin-Sein, Arbeiter-Sein oder Homosexuell-Sein galten als relevanten Einflussfaktoren auf die Chancen im Leben. Das lange 19. Jahrhundert reichte allerdings nicht aus, um diese Fragen einer breiten politischen oder gar wissenschaftlichen Aufarbeitung zuzuführen. Sehr wohl konnten jedoch Initiativen entsprechende Wirkungen entfalten, bevor der Erste Weltkrieg einen unweigerlichen Bruch mit der bestehenden Weltordnung und dem stark aristokratisch-bürgerlichen Ständebewusstsein herbeiführte. 


3. Der lange Arm einer Geschichte

 

Die Tendenzen, menschliche Vielfalt in ihrer möglichen Breite, Tiefe und im Schrecken zu erweitern, wurden im Ersten Weltkrieg, in der Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg in ihrer komprimierten Intensität dargestellt. Die seit dem 19. Jahrhundert zunehmende Xenophobie, der Rassismus, der Antisemitismus und das Aufkommen verschiedenster Ressentiments befeuerten die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Das Aufkommen des Nationalsozialismus sowie anderer faschistischer Systeme (siehe: Wolfgang Benz. Geschichte des Dritten Reiches. München 2015) und das damit verbundene Verständnis einer idealisierten Männlichkeit und Weiblichkeit (siehe: Stefan Zweig. Die Welt von Gestern, Erinnerungen eines Europäers. Stockholm 1942), eines rassischen Wertedenkens (siehe: Christian Geulen. Geschichte des Rassismus. Bonn 2007) sowie der Klassifizierung von wertem und unwertem Leben (siehe: Ernst Klee. »Euthanasie« im Dritten Reich, Die »Vernichtung lebensunwerten Lebens«. Frankfurt a. M. 2010) stellt das extremste Beispiel dieser Zeit dar.

 

Diese Jahrzehnte der enormen Differenzierung von Werten und Normen sowie der Idealisierung und Verwissenschaftlichung (Pädagogik, Anthropologie, Kriminologie etc.) der Welt brachten sowohl Möglichkeiten der Befreiung als auch Wellen der Unterdrückung mit sich. Für die Periode zwischen den Weltkriegen sind sowohl Marlene Dietrich und ihr Durchbruch mit Der Blaue Engel (siehe: Der Blaue Engel. Deutschland 1931. Entnommen: 8/2025. IMDB, https://www.imdb.com/de/title/tt0020697/) als auch die wissenschaftlichen Leistungen Magnus Hirschfelds (siehe: Magnus Hirschfeld. Berlins drittes Geschlecht, Homosexualität um 1900. Berlin Leipzig 1904) zu nennen. Die Herausbildung neuer, urbaner Räume individueller Freiheiten konnte in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika kurz nach dem Ersten Weltkrieg mit neuer Intensität – vor allem im künstlerischen Bereich – fortgeschrieben werden, ohne dass sich dabei eine explizite gesellschaftliche Bewegung im größeren Ausmaß formierte. Daher ist der Blick auf die Alternativen dieser Zeit oftmals auf Regionen, Personen und Gruppierungen zu lenken, die im Zuge des Erstarkens faschistischer Systeme (siehe exemplarisch: Bent. Großbritannien 1997. Entnommen: 8/2025. IMDB, https://www.imdb.com/de/title/tt0118698/) ein trauriges und oftmals tödliches Ende (siehe exemplarisch: Heinz Heger. Die Männer mit dem rosa Winkel. Gifkendorf 2019) fanden.

 

Gerade diese Ambivalenzen einer Zeit scheinen in der Gegenüberstellung von zwei Dokumenten ideal ihren Ausdruck zu finden: Marlene Dietrich mit dem populären Lied aus der Weimarer Republik Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin (Marcellus Schiffer. Revue "Es liegt in der Luft". Gesungen von Margo Lion mit Marlene Dietrich und Oskar Karlweis. Berlin 1928) das sie gemeinsam mit der französischen Kabarettistin Margo Lion (Marguerite Hélène Barbe Elisabeth Constantine Lion) in zweideutiger Weise vortrug. Die hörbare Zuneigung der beiden Darbietenden führte dazu, dass das Lied zu einem beliebten Stück der lesbischen Gemeinschaft in Berlin avancierte. 
Dem kann das epochale Großwerk Olympia (Olympia. Deutschland 1940. Entnommen 8/2025. IMDB, https://www.imdb.com/de/title/tt0030522/) der Filmemacherin Leni Riefenstahl gegenübergestellt werden. Wiebke Brauer fasst diese Bilder in der Zeitschrift Der Spiegel wie folgt zusammen:

 

„Stählerne Muskeln, makellose Leiber: Leni Riefenstahls Olympia-Filme, 1938 uraufgeführt, feierten das seelenlose Schönheitsideal der Nazis. […] Mehr als vier Stunden dauern die Dokumentationen Fest der Völker’ und der zweite Teil Fest der Schönheit’ zusammen. Bis heute variieren die Angaben darüber, wie hoch die Produktionskosten waren, wie groß die Zahl der Kameramänner, wie umfangreich das Filmmaterial und welches die Quellen der Finanzierung. Sicher ist nur eins: Riefenstahl setzt filmische Maßstäbe für Aufnahme und Schnitt, erfindet neue Kameratechniken. Sie bugsiert die Kamera auf Schienen, in Aufzüge und Gräben.
Solche Bilder hat man zuvor noch nicht gesehen: Die Anstrengung in den Gesichtern der Sportler, Schweißperlen und Tränen, Entschlossenheit, Jubel bei Kämpfern und Publikum. Riefenstahl filmt die Ornamentik der Menge, schneidet den perfekten Körper dagegen, montiert Masse gegen Muskel. Schon beim Drehen der Olympischen Sommerspiele vom 1. bis 16. August 1936 in Berlin äußert Riefenstahl ihre Freude an den durchtrainierten Körpern: ‚Das werden Bilder.’“ (Wiebke Brauer. Die Frau, die den perfekten Nazi-Körper schuf, 2008. Entnommen 8/2025. Der Spiegel, http://www.spiegel.de/einestages/riefenstahl-filme-a-946887.html)

 

 

Tatsächlich gelang es Leni Riefenstahl, ein faschistisches Ideal perfekt in Bild, Ton und Szene umzusetzen – ganz nach dem Geschmack der Nazi-Führungsriege. Der trainierte, gesunde, nicht behinderte Mann, begleitet von der idealerweise blonden, gebärfreudigen, gesund-jungen Frau, stellt einen Archetypus der nationalsozialistischen Menschenordnung dar. Das Andere, also Menschen mit Behinderungen, Rominja, politisch Andersdenkende, Jüdinnen und Juden, Homosexuelle und viele andere Aspekte menschlicher Realität, wurden ideologisch als minderwertig, sogar als lebensunwert klassifiziert. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1945 konnte zwar ein politischer Bruch mit diesem ideologischen Verständnis einer Gesellschaftsordnung erreicht werden - und damit dem faschistischen, sozialdarwinistischen Verständnis ein offizielles Ende gesetzt werden -, doch das Gedanken(un)gut blieb bestehen und bildet heute noch Fundament für viele rechtsextreme, rechtsnationale und rechtsradikale Strömungen. Die traurige Bilanz dieser wenigen Jahre: Für Millionen von Menschen kam das Ende zu spät, da sie aufgrund willkürlicher Phantasien einer richtigen Ordnung systematisch ermordet wurden. (siehe exemplarisch: Yad Vashem, The World Holocaust Remembrance Center. Entnommen 8/2025. https://www.yadvashem.org/)

 

Während sich in Europa der Faschismus ausbreitete und damit verbundene grausame Deutungs- und Handlungsweisen gefördert wurden, entstanden in der US-amerikanischen Gesellschaft durch die Schaffung neuer liberaler Lebensmöglichkeiten entsprechende Gegenentwürfe. Der Aufschwung der Vereinigten Staaten schuf trotz elementarer gesellschaftlicher Krisen Nischen individueller Entfaltung. Der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg und die darauffolgende wirtschaftliche Expansion beflügelten die Wirtschaft und ermöglichten Individuen eine eigenständige Lebensführung. Am Beispiel schwul-lesbischer Identitäten ist dies exemplarisch nachvollziehbar: Ab den 1940er Jahren gab es nicht nur viele, sondern auch gut bezahlte Jobs in der US-amerikanischen Wirtschaft, weswegen Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten und Regionen der USA ein selbstständiges Leben wagen konnten. Mit dem Eintritt in die lukrative Erwerbstätigkeit hatten sie nicht nur das tägliche Einkommen für das Alltagsleben sicher, sondern auch die Möglichkeit, entsprechende Rücklagen zu bilden, um dem bis dahin beinahe unverzichtbaren Familienverband entsagen zu können. Neben der US-Army boten auch die Waffen- und Zulieferindustrie sowie andere Dienstleistungs- und Produktionsbereiche lesbischen Frauen und schwulen Männern gute Verdienstmöglichkeiten. Diese Angebote konzentrierten sich vor allem auf die Ballungsräume, sodass schnell Städte wie New York, San Francisco oder Chicago, die queeren Menschen bereits zuvor Möglichkeiten des Lebens im Verborgenen boten (siehe: George Chauncey. Gay New York, gender, urban culture, and the makings of the gay male world, 1890-1940. New York 1994) nun von einer größeren Zahl von Homosexuellen aufgesucht wurden. Diese Vergrößerung der Gemeinschaft wurde plötzlich auch zum Wirtschaftsfaktor, sodass die Entstehung einer entsprechenden Infrastruktur erkennbar wurde. Angebote wie Zeitschriften, Clubs, Bars, Badehäuser sowie örtliche Treffpunkte etablierten sich, ohne dass die Behörden effektiv dagegen vorgehen konnten; und entsprechende Versuche gab es (siehe: Martin J. Gössl. Als die erste Münze flog und die Revolution begann, Die Homosexuellen-Bewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten von Amerika. Graz 2009).

 

Eine solche Pluralisierung, wie sie heute für die Vereinigten Staaten von Amerika typisch ist, erfasste viele Gemeinschaften und Lebensbereiche, beispielsweise Geschlecht, Ethnie oder soziale Klasse. Die dazugehörigen Diskurse wurden teils intellektuell, teils künstlerisch, aber auch auf der Straße in Form von Protesten geführt. Ähnliche gesellschaftliche Tendenzen waren bereits nach einem breiten und fulminanten Wiederaufbau in den europäischen Nationen zu verzeichnen. Dies lag daran, dass eine Generation nachfolgte, die vom Krieg nur wenig (oder nur in Kindheitsjahren) betroffen war und eine ebenso individuelle Auseinandersetzung suchte wie jene jungen Menschen in den USA. Dadurch war der gesellschaftliche Boden ausreichend aufbereitet für das Ereignis, das der Welt im weiteren Verlauf die postmoderne Gesellschaft auferlegte: die berühmte Revolution im Jahr 1968.


4. Plötzlich alles anders mit 1968

 

Wie die bisherige historische Aufarbeitung zeigt, sind die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgekommenen Bewegungen, Debatten und politischen Dimensionen Ursache für tiefgreifende Wandlungen in der Wahrnehmung subkultureller Identitäten. Die modernen Demokratien haben durch Formen der Mitbestimmung wie das aktive und passive Wahlrecht für nahezu alle, Petitionen und Volksbegehren, Möglichkeiten geschaffen, diese Veränderungen und subkulturellen Wünsche spürbar werden zu lassen. Nach der Überwindung wirtschaftlicher Nöte erkennt der Mensch der Nachkriegsordnung, dass Mitbestimmung und Mitgestaltung einen Mehrwert für die eigene Lebenswelt mit sich bringen können. Andererseits sind – gerade für die Jahre des Kalten Krieges – die Fragen nach einer verantwortlichen Lebensführung und einem verantwortungsvollen Miteinander als Gesellschaft von philosophischer und politischer Relevanz. Gemeinsam mit dem historischen Erbe gesellschaftlicher Bewegungen führt dies zu einem fruchtbaren Boden für ideologische Reflexionen und kämpferische Auseinandersetzungen.

 

In diesem Zusammenhang soll der Montgomery-Bus-Boykott erwähnt werden. Die afroamerikanische US-Bürgerin Rosa Parks wurde im Kampf gegen die allgegenwärtige Segregation von Schwarzen und Weißen in den USA zu einer Symbolfigur. Sie weigerte sich, ihren Sitzplatz in einem Bus für eine weiße Person freizugeben, und musste deshalb juristische Konsequenzen erleiden. Dabei handelte es sich um eine gesetzliche Regelung, die keinesfalls in der Stadt Montgomery (Alabama) oder anderswo erstmals solche Szenen mit sich gebracht hat, doch diesmal, im Jahr 1955, war es ein unterschiedlicher Moment, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Martin Luther King Jr., damals ein 26-jähriger Pastor in der Gemeinde, wurde dem Ereignis geschuldet zum Sprachrohr einer Vielzahl von Menschen, die in diesem Vorfall mit Rosa Parks ein Ereignis von menschenrechtlicher Relevanz erkannten. In der Folge kam es zu einem Boykott der Busgesellschaft, zu Protesten und zu gerichtlich-medialen Auseinandersetzungen. Martin Luther King Jr. wurde damit zum Gesicht und zur Stimme von Millionen und einer der größten Bürgerrechtsbewegungen in den USA (siehe: National Parl Service. The Montgomery Bus Boycott. Entnommen 8/2025. https://www.nps.gov/articles/montgomery-bus-boycott.htm).

 

Folglich entfalteten diese und viele weitere kleineren und größeren subkulturellen Auseinandersetzungen im Jahr 1968 eine kulminierte Wucht (siehe exemplarisch: Stefan Wolle. Der Traum von der Revolte, Die DDR 1968. Bonn 2008), die schlicht als das Jahr der Sichtbarwerdung betitelt werden muss. Soziale Bewegungen wie die Bürgerrechtsbewegung, die zweite Frauenbewegung oder die Grüne Bewegung, die vielerorts Ankündigungen aussprachen, entluden sich schlagartig auf gesellschaftspolitischer Ebene im Jahr 1968 (Bundeszentrale für politische Bildung Deutschlands [Hg.]. Aus Politik und Zeitgeschichte, 1968. Bonn 2008). Paris, Washington, Wien und viele andere Orte dieser Welt wurden zu Schauplätzen dieser Auseinandersetzungen, bei denen das bestehende Establishment allgemein zum Ziel der Kritik wurde. Eine der stärksten gewaltlosen Ausdrucksformen wurde mit dem Wiener Aktionismus (siehe: Elmar Stengg. Der Wiener Aktionismus zwischen Tabu & Utopie, Der Leib als Gesellschafts- und Lustkörper an seiner Innen-Außen-Grenze. Dissertation. Graz 2016) zu einem internationalen Format.


Das Mumok (Museum moderne Kunst stiftung Ludwig Wien), Herberge verschiedener Arbeiten von Wiener Aktionisten (wie Günter Brus, Otto Mühl, Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkogler), beschreibt diese künstlerische Auseinandersetzung (siehe: Eva Badura-Triska, Hubert Klocker [Hg.]. Wiener Aktionismus, Kunst und Aufbruch im Wien der 1960er-Jahre. Köln 2012) wie folgt: 


Die 1960er-Jahre standen ganz im Zeichen eines radikalen künstlerischen Umbruchs. Künstler*innen suchten nach der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung und überschritten dabei bewusst die Grenzen traditioneller Kunstformen. Vor diesem Hintergrund entstand in Wien der Aktionismus als radikale Bewegung. Deren zentrale Protagonisten Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler entwickelten in Aktionen und Manifesten neue künstlerische Ausdrucksformen, mit denen sie etablierte Vorstellungen von Kunst und Körperlichkeit grundsätzlich infrage stellen wollten.“ (Museum moderne Kunst stiftung Ludwig Wien. Wiener Aktionismus. Entnommen 8/2025. https://www.mumok.at/de/wiener-aktionismus)


Die Radikalität dieser Kunstbewegung sorgte nicht nur international für Aufsehen, sondern war auch für die etablierte Kulturwelt überraschend. Thomas Dreher beschreibt eine der bekanntesten Aktionen an der Wiener Universität wie folgt:


„‚Kunst und Revolution‘ wird im Juni 1968 in einem Hörsaal der Wiener Universität vorgestellt. Otto Mühl und Peter Weibel konfrontieren das Publikum mit Reden, die Robert Kennedy und den österreichischen Finanzminister Stephan Koren verspotten. Die Aktionslesungen ‚karnevalisieren‘ das sich seriös gebende Polittheater der Realpolitik. Sie geben mit den Stützen auch die ehrenwerte Gesellschaft der Lächerlichkeit preis. Valie Export lenkt während Weibels Rede den Lichtkegel eines Scheinwerfers auf einen lichtempfindlichen Widerstand. Über diesen Widerstand kann sie Weibels Mikrophon an- oder abstellen. Sie tut dies als Vollstreckerin der Aufforderungen aus dem Publikum: Bei Rufen nach einer Unterbrechung wird von ihr die Verstärkeranlage des Mikrophons abgestellt, bei Rufen nach ihrer Fortsetzung wird die Anlage wieder angestellt. Deshalb ist Weibels Rede nur verstümmelt zu hören. Die Verstümmelung der den Ruf des Finanzministers verstümmelnden Rede entwickelt die `Provokationsprovokation´ zu einer Form der Performance, die – anders als bei Rühm und Wiener im Zockfest – keinen Text mehr gegen das Publikum behauptet oder auf es reagierend erzeugt, sondern den Text verfremdet: Die Versuche von ZuhörerInnen, die Verspottung Korens zu unterbinden, bevor sie den Vortrag als Ganzes kennen, werden als Eingriffe vorgestellt, die mit der Rede die Redefreiheit verstümmeln. Das Publikum sieht sich mit seiner eigenen Gewalt konfrontiert.
‚Kunst und Revolution‘ erhält schließlich seine Eigendynamik durch simultan ablaufende Aktionslesungen und Aktionen. Während Weibels Rede beginnt Brus mit seiner Körperanalyseaktion’. Er entkleidet sich und ritzt sich mit einer Rasierklinge an Brust und Oberschenkel auf. Dann uriniert er in ein Glas und trinkt den Urin, defäktiert und beschmiert sich mit Kot. Er erbricht sich, legt sich nieder und führt ‚Onaniebewegungen‘ aus. Beim Defäktieren und nachfolgenden Aktionen singt Brus die österreichische Bundeshymne.
Während Brus ein Nationalsymbol karnevalisiert, hält Wiener seine Rede über die ‚input-output-Relation zwischen Sprache und Denken‘. Außerdem führen Franz Kaltenbäck und Weibel simultan weitere Aktionslesungen vor. Kaltenbäck beschreibt die ‚anwesenden perzipienten...als platzhalter...einer normierten situation..., aus der sich möglicherweise ein epileptiker, ein schwachsinniger befreien könnte.‘ Womit Kaltenbäck die soziale Norm als versperrten Weg und die Krankheit – oder das, was dafür gehalten wird – als Alternative ausweist.
Laurids liest mit bandagiertem Kopf einen selbst verfassten pornographischen Text vor. Mühl deutet mit Militärkoppel eine Auspeitschung von Laurids an, eine Anklage wegen Körperverletzung vermeidend. Mühl versucht, mit dem Gürtel das Papier zu treffen, von dem Laurids abliest, trifft ihn aber doch. Unbeirrt von den simultanen Aktionen und dem erzeugten Lärm setzt Wiener seine Rede fort.“ (Thomas Dreher. Aktionstheater als Provokation: groteske Körperkonzeption im Wiener Aktionismus, 2009. Entnommen 8/2025. http://dreher.netzliteratur.net/2_Performance_Aktionismus.html#30)


Doch die Radikalität blieb keineswegs auf Österreich oder die Kunstwelt beschränkt. Im US-amerikanischen Kontext erlangte die Black Panther Party (mit der Black Panther Army) mit ihrer kämpferischen, teilweise terroristischen Vorgehensweise weitreichende Sichtbarkeit, um die Rechte schwarzer Menschen in den Fokus zu rücken (siehe: Joshua Bloom, Waldo E. Martin Jr. Black against Empire, The History and Politics of the Black Panther Party. Oakland 2013).

 

Als eine der größten, sozialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts formierte sich jedoch die Zweite Frauenbewegung, die sich auf nationaler und internationaler Ebene für die Thematisierung und Beseitigung großer Bereiche rechtlicher, gesellschaftlicher und politischer Ungleichbehandlung der Geschlechter einsetzte. Voraussetzungen für ihre Entstehung waren unter anderem die Erfindung der Pille, die es Frauen ermöglichte, die Kontrolle über ihren Körper zu erlangen, sowie der aus den Wirtschaftswunderjahren resultierende Wohlstand und die oftmals damit einhergehende bessere Bildung. Hinzu kamen neue Medienformate wie die EMMA-Zeitschrift in Deutschland (siehe: EMMA - Das politische Magazin für Menschen, EMMA Frauenverlags Köln. Entnommen 8/2025. www.emma.de), die einen fruchtbaren Nährboden für kritische Auseinandersetzungen schufen. In einem symbolischen Forderungskatalog können somit aus heutiger Perspektive das Recht auf den eigenen Körper, die gesellschaftliche Partizipation, die politische und rechtliche Gleichstellung und viele weitere Themen zusammengefasst werden, um einen neuen Entwurf des gleichberechtigten Zusammenlebens zu ermöglichen (siehe: FrauenMediaTurm. Das Archiv und Dokumentationszentrum, Chronik der Neuen Frauenbewegung. Entnommen 8/2025, http://www.frauenmediaturm.de/themen-portraets/chronik-der-neuen-frauenbewegung sowie Susanne Hertrampf. Ein Tomatenwurf und seine Folgen, Eine neue Welle des Frauenprotestes in der BRD, 2008. Entnommen 8/2025. http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/35287/neue-welle-im-westen?p=all).

Nur ein Jahr später folgte die Gay Liberation, also die LGBTIQ-Bewegung (LGBTIG = Lesbain, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex and Queer, bzw. Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender, Intersexuell und Queer), die sich in der entstehenden Postmoderne etablierte. Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten wurden in den Kanon der menschenrechtlichen Freiheiten aufgenommen und die straffreie und gleichberechtigte Teilhabe am Leben gefordert. Ausgelöst wurde diese Bewegung im Juni 1969 durch eine Auseinandersetzung in der Stonewall Inn Bar in der Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village. Obwohl es zu dieser Zeit einige Auseinandersetzungen gab, auch mit queeren Gruppen, bildet sie einen sichtbaren historischen Meilenstein für weitreichende Bewegungen auf vielfach-nationalen Ebenen (siehe: Martin J. Gössl. Als die erste Münze flog und die Revolution begann, Die Homosexuellen-Bewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten von Amerika. Graz 2009 sowie Martin J. Gössl. Von der Unzucht zum Menschenrecht. Graz 2011). 
    
Diese Vielzahl politischer Bewegungen forderte nicht nur das Individuum – jüngere wie ältere Personen, Etablierte wie Newcomer, Konservative wie Sozialisten –, sondern darüber hinaus die Gesellschaft und das politische System als Ganzes heraus. Die bis dahin oftmals nur leise oder an den Rand gedrängten Gruppen waren plötzlich als sichtbare Kräfte auf der Straße (diese Kräfte konnten durchaus gewaltsam ausfallen, wie das Beispiel der RAF zeigt: Sven Beckstette, RAF-Ausstellung 2005, Zur Vorstellung des Terrors. Göttingen 2005), präsent und nicht bereit, wieder in leisen Tönen zu verschwinden. Die Reaktion darauf waren weitreichende gesetzliche Veränderungen, wie beispielsweise die Aufhebung des Totalverbots der Homosexualität zwischen Erwachsenen, sowie eine Wandlung der politischen Mündigkeit. Vorhandene Normen wie die traditionelle Familienform (siehe: Martin J. Gössl. The Otto Mühl Commune: self-expression, common property and free sexuality. Entnommen 8/2025. https://www.researchgate.net/publication/328686091) die Mutterrolle (siehe: Elisabeth Badinter. Die Mutterliebe, Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute. München 1992) oder Männlichkeit (siehe: R. W. Connell. Masculinities. Cambridge 2005) wurden plötzlich tiefgreifend und radikal hinterfragt. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar.


5. Theorien zur Vielfalt

 

Mit dem allgemeinen Aufbruch der Gesellschaft zu einer Wahrnehmung des Individuums und dessen Freiheiten in einer pluralen und demokratischen Gesellschaft – also in der zweiten Hälfte des 19. und im ereignisreichen 20. Jahrhundert – wurden dem Individuum in seinen unterschiedlichen Facetten verschiedene Denkanstöße gewidmet. Sowohl die Klassenfrage mit Karl Marx (siehe: Karl Marx. Das Kapital, Kritik der politischen Oekonomie. Hamburh 1867) als auch die Fragen von Geschlecht, Sexualität und Hautfarbe erfuhren eine Aufarbeitung und anschließend eine theoretische Auseinandersetzung, die bis heute, insbesondere an Hochschulen, in beachtlicher Intensität fortbesteht.
Ein grundlegendes Werk für die Zweite Frauenbewegung wurde von Simone de Beauvoir kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fertiggestellt. Zwar wurde das Werk Das andere Geschlecht in den Anfangsjahren vor allem in Fachkreisen rezipiert, doch in den 1960er Jahren avancierte es zu einem Standardwerk der Frauenbewegung. In diesem beeindruckenden Buch fokussiert die Philosophin und Schriftstellerin ihr Interesse auf die „Entstehung der Frau“ und entlarvt dabei die Gewalt erzieherischer Macht. Sie stellt fest:

 

In der Tat finden die Männer in ihrer Gefährtin einen besseren Komplicen, als der Unterdrücker üblicherweise im Opfer seiner Unterdrückung findet. Daher halten sie sich böswillig zu der Erklärung berechtigt, sie habe das Schicksal gewollt, das sie ihr auferlegt haben. Wie wir gesehen haben, hat es in Wirklichkeit ihre ganze Erziehung darauf abgesehen, ihr die Wege der Auflehnung und des Abenteuers zu versperren. Die ganze Gesellschaft - bei ihren verehrlichen Eltern angefangen - lügt sie an, wenn sie den hohen Wert der Liebe, der Ergebenheit, der Selbsthingabe predigen und ihr dabei verheimlichen, daß weder der Geliebte noch der Ehemann noch die Kinder geneigt sind, eine solche drückende Last zu ertragen. Sie akzeptieren fröhlich diese Lügen, weil sie sie dazu anhalten, ihrer Bequemlichkeit nachzugeben. Und darin liegt das schlimmste Verbrechen, das gegen sie begangen wird. Von der Kindheit an und ihr ganzes Leben lang verwöhnt, verdirbt man sie, indem man ihr als ihre Berufung jene Selbstaufgabe hinstellt, die jeden Existierenden versucht, der sich vor seiner Freiheit ängstigt. Wenn man das Kind zur Faulheit verleitet, indem man es den ganzen Tag belustigt, ohne im Gelegenheit zu ernsthaftem Lernen zu geben, ohne ihm dessen Nützlichkeit darzutun, wird man ihm, wenn es herangewachsen ist, nicht sagen können, es habe sich für die Unfähigkeit und Ignoranz entschieden: So erzieht man aber die Frau, ohne sie je die Notwendigkeit zu lehren, selbst ihre Existenz auf sich zu nehmen. Sie läßt sich gern dahin treiben, daß sie mit der Protektion, der Liebe, der Hilfe, der Leitung anderer rechnet. Sie läßt sich von der Hoffnung faszinieren, sie könne, ohne etwas zu tun, ihr Wesen realisieren. Sie handelt verkehrt, wenn sie der Versuchung nach gibt. Dem Mann steht es jedoch in keiner Weise an, Ihr Vorwürfe zu machen, da er selbst sie in Versuchung geführt hat. Wenn ein Konflikt zwischen ihnen ausbricht, macht jedes die andere Partei für die Situation verantwortlich. Sie wirft ihm vor, er habe sie geschaffen: Man hat mich nicht gelehrt, vernünftig zu überlegen, meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen … Er wirft ihr vor, die Situation akzeptiert zu haben: Du verstehst nichts, du bist unfähig … Jedes Geschlecht glaubt sich zu rechtfertigen, wenn es die Offensive ergreift: Doch die Fehler des einen entschuldigen die Gegenseite nicht. Die zahllosen Konflikte, die Mann und Frau miteinander ausfechten, rühren davon her, daß keines der beiden alle Folgen dieser Situation auf sich nimmt, die der eine vorschlägt und die andere erleidet.“ (Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Sitte und Sexus der Frau. Hamburg 1951, S. 672, f.)

 

Simone de Beauvoir setzt in ihrer Analyse fort: 


Die Auseinandersetzung wird so lange dauern, als Mann und Frau sich nicht als ihresgleichen anerkennen, d. h. solange sich das Frauentum als solches weiter fortsetzt. Wer von beiden ist am meisten darauf aus, es zu retten? Die Frau, die sich von ihm frei macht, will trotzdem ihre Vorrechte wahren. Und der Mann verlangt, daß sie dann auch ihre Grenzen auf sich nimmt. […] Der Cirkulus vitiosus ist hier tatsächlich so schwierig aufzuheben, weil bei beiden Geschlechtern jedes gleichzeitig Opfer des andern und seiner selbst ist. Zwischen zwei Gegnern, die sich in ihrer reinen Freiheit gegenüberstehen, liee sich leicht eine Einigung erzielen: Um so mehr, als dieser Kampf keinen etwas nützt. Aber das Komplizierte dieser ganzen Angelegenheit rührt davon her, daß jede Seite der Komplice ihrer Gegenseite ist. Der Frau verfolgt einen Traum der Selbstaufgabe, der mann einen Traum der Entfremdung.“ (Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Sitte und Sexus der Frau. Hamburg 1951, S. 670)

 

Und weiters: 


Die Behauptung ist absurd, die Orgie, das Laster, die Leidenschaft hörten auf, wenn Mann und Frau sich völlig ähnlich würden. Die Widersprüche, die Körper und Geist, Augenblick und Zeit , die den Taumel der Immanenz und der Lockung der Transzendenz, die das Absolute der Lust und das Nichts der Vergessen einander entgegensetzen, werden nie aufgehoben werden. In der Sexualität werden sich immer die Spannung, der Schmerz, die Freude, die Niederlage und der Triumph der Existenz verkörpern. Wer die Frau befreit, lehnt es ab, sie auf die Beziehung, die sie zum Mann unterhält, zu beschränken, leugnet sie aber nicht. Mag sie sich auf sich selbst stellen, sie hört damit durchaus nicht auf, auch für ihn zu existieren. Bei ihrer gegenseitigen Anerkennung als Subjekt bleibt jedes dennoch für den Partner ein Anderes. Die Gegenseitigkeit ihrer Beziehungen schaltet die Wunder Begehren, Besitz, Liebe, Traum, Abenteuer nicht aus, welche die Aufteilung der Menschenwesen in zwei getrennte Kategorien nach sich zieht. Und die Worte Schenken, Erobern, Sichvereinigen, die uns erregen, werden ihren Sinn behalten. Im Gegenteil, wenn die Versklavung der einen Hälfte der Menschheit und das ganze verlogene System, das damit zusammenhängt, abgeschafft ist, dann wird die Unterteilung der Menschheit ihren eigentlich Sinn verdeutlichen und das Menschenpaar wird seine wahre Gestalt finden. […] Der Mann hat zur Aufgabe, in der gegebenen Welt dem Reich der Freiheit zum Sieg zu verhelfen. Damit dieser höchste Sieg errungen wird, ist es unter anderem notwendig, daß Mann und Frau jenseits ihrer natürlichen Differenzierungen rückhaltlos geschwisterlich zueinander finden.“ (Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Sitte und Sexus der Frau. Hamburg 1951, S. 680, f.)

 

In ihrem Buch vertritt Simone de Beauvoir die Position, dass die Rolle des Mannes im selben Ausmaß belastet wie behaftet ist und eine Entwicklung zu einem gleichberechtigten Verständnis von Frau und Mann seine Mitwirkung erfordert. Darüber hinaus nimmt sie die Frau in die Verantwortung, da es ihrer Meinung nach zu kurz gegriffen wäre, jegliche Beteiligung am bestehenden (Herrschafts-)System nur einem Geschlecht zuzusprechen.

 

Die Beleuchtung einer spezifischen Norm- und Ordnungsstruktur gewinnt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf mehrdimensionaler Weise an Spannung. Der französische Soziologe und Anthropologe Pierre Bourdieu geht in seinem Werk über die verborgenen Mechanismen der Macht den grundlegenden Fragen nach, wie zwischenmenschliche Strukturen und deren segmentierende Kraft in der Gesellschaft wirken, ohne dabei Gefahr zu laufen, in ein politisches, antikapitalistisches Diktum zu verfallen:

 

Die gesellschaftliche Welt ist akkumulierte Geschichte. Sie darf deshalb nicht auf eine Aneinanderreihung von kurzlebigen und mechanischen Gleichgewichtszustände reduziert werden, in denen die Menschen die Rolle von austauschbaren Teilchen spielen. Um einer derartigen Reduktion zu entgehen, ist es wichtig, den Kapitalbegriff wieder einzuführen, und mit ihm das Konzept der Kapitalakkumulation mit allen seinen Implikationen. Kapital ist akkumulierte Arbeit, entweder in Form von material oder in verinnerlichter, >>inkorporierter<< Form. […] Auf das Kapital ist es zurückzuführen, daß die Wechselspiele des gesellschaftlichen Lebens, insbesondere des Wirtschaftslebens, nicht wie einfache Glückspiele verlaufen, in denen jederzeit eine Überraschung möglich ist: Beim Roulette z.B. kann in kürzester Zeit ein ganzes Vermögen gewonnen und damit gewissermaßen in einem einzigen Augenblick ein neuer sozialer Status erlangt werden; im nächsten Augenblick kann dieser Gewinn aber bereits wieder auf Spiel gesetzt und vernichtet werden. Das Roulette entspricht ziemlich genau dem Bild eines Universums vollkommener Konkurrenz und Chancengleichheit, einer Welt ohne Trägheit, ohne Akkumulation und ohne Vererbung von erworbenen Besitztümern und Eigenschaften.“ (Bourdieu Pierre. Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg 2005. S. 49, f.)

 

Bourdieus Ansatz der sozialen Dimensionen und eines Kapitals sind dabei weiter gefasst als ein rein ökonomisches Prinzip: 


„Das Kapital kann auf drei grundlegende Arten auftreten. In welcher Gestalt es jeweils erscheint, hängt von dem jeweiligen Anwendungsbereich sowie den mehr oder weniger hohen Transformationskosten ab, die Voraussetzung für ein wirksames Auftreten sind: Das ökonomische Kapital ist unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts; das kulturelle Kapital ist unter bestimmten Vorraussetzungen in ökonomisches Kapital konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in Form von schulischen Titeln; das soziale Kapital, das Kapital an sozialen Verpflichtungen oder >>Beziehungen<<, ist unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls in ökonomisches Kapital konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in Form von Adelstiteln.“ (Bourdieu Pierre. Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg 2005. S. 52, f.)


Diese grobe Einteilung erfährt noch eine Spezifizierung:


„Das kulturelle Kapital kann in drei Formen existieren: (1.) in verinnerlichtem, inkorporiertem Zustand, in Form von dauerhaften Dispositionen des Organismus, (2.) in objektivierten Zustand, in Form von kulturellen Gütern, Bildern, Büchern, Lexika, Instrumenten oder Maschinen, in denen bestimmte Theorien und deren Kritiken, Problematiken usw. Spuren hinterlassen oder sich verwirklicht haben, und schließlich (3.) in institutionalisiertem Zustand, einer Form von Objektivation, die deswegen gesondert behandelt werden muß, weil sie - wie man beim schulischen Titel sieht . dem kulturellen Kapital, das sie ja garantieren soll, ganz einmalige Eigenschaften verleiht. […] Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen dun potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen. Das Gesamt-Kapital, das die einzelnen Gruppenmitglieder besetzen, dient ihnen allen gemeinsam als Sicherheit und verleiht ihnen . im weitesten Sinne des Wortes - Kreditwürdigkeit. […] Kapitalarten können mit Hilfe von ökonomischem Kapital erworben werden, aber nur um den Preis eines mehr oder weniger großen Aufwandes an Transformationsarbeit, die notwendig ist, um die in dem jeweiligen Bereich wirksame Form der Macht zu produzieren. So gibt es z.B. bestimmte Güter und Dienstleistungen, die mit Hilfe von ökonomischen Kapital ohne Verzögerung und sekundäre Kostenerworben werden können. Es gibt aber auch solche, die nur aufgrund eines sozialen Beziehungs- und Verpflichtungskapital erworben werden können. Derartige Beziehungen oder Verpflichtungen können nur dann kurzfristig, zum richtigen Zeitpunkt, eingesetzt werden, wenn sie bereits seit langem etabliert und lebendig gehalten worden sind, als seien sie ein Selbstzweck.“ (Bourdieu Pierre. Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg 2005. S. 53, ff.)

 

Pierre Bourdieu argumentiert, dass eine Zuspitzung des Kapitalbegriffs zu kurz greifen würde. Eine Ausdehnung dieses Begriffs erweist sich hingegen als erhellend für die Erklärung einer gesellschaftlichen Wertestruktur. Die Kapitalarten von Bourdieu gelten bis heute als profundes theoretisches Konzept, um tägliche Anerkennungsprozesse zu entschlüsseln. Diese wirken als grundlegendes Element und können Merkmale der Vielfalt bekräftigen oder mindern.
Die von Simone de Beauvoir und Pierre Bourdieu angeregten Analysen betreffen Diskurse, die bereits seit über einem Jahrhundert Gegenstand breiter Debatten sind. Ein weiterer Franzose, der Intellektuelle Michel Foucault, widmet sich in seinem bis heute intensiv rezipierten Werk in vier Bänden „Sexualität und Wahrheit“ (siehe: Michel Foucault. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1 - 4. Frankfurt a. M. 1983, ff.) dem Thema Sexualität. Seine Analyse entlarvt den Diskurs – also das aus Sprache hervordringende Element – als einen Prozess der Macht, der eine tiefgreifende Auswirkung auf das entfaltet, was als Unaussprechliches gilt, und die betrifft, die einer Sprache unterworfen sind (nämlich alle Menschen):

 

„Ich gehe davon aus, daß man mir in den ersten beiden Punkten recht geben wird; ich nehme an, man wird bereit sein zu sagen, daß der Diskurs über den Sex seit mittlerweile drei Jahrhunderten eher vermehrt als verknappt worden ist, und daß er trotz einiger Verbote, die er mit sich gebracht hat, in fundamentaler Weise die Verdichtung und Einpflanzung einer ganzen sexuellen Disparität geleistet hat. Dennoch bleibt es dabei, daß all das letztlich nur eine Verteidigungsrolle gespielt haben soll. Auch wenn man noch so viel von ihm redet und ihn vervielfältigt, abgeteilt und spezifiziert genau dort wiederentdeckt, wo man ihn eingesetzt hat - im Grunde suchte man doch nur den Sex zu verhüllen: Abschirm-Diskurs, Ausweich-Dispersion. Mindestens bis zu [Psychoanalytiker Sigmund] Freud hätte demnach der Diskurs über den Sex - der Diskurs der Gelehrten und Theoretiker - kaum aufgehört, seinen Gegenstand zu verdunkeln. Alle diese gesagten Dinge, die kleinlichen Vorsichtsmaßnahmen und detaillierten Analysen, könnte man für eine Reihe von Verfahren halten, mit denen man das Unerträgliche, die allzu bedrohliche Wahrheit des Sex zu vermeiden sucht. Allein die Tatsache, daß man vorab, vom geläuterten und neutralen Gesichtspunkt einer Wissenschaft, deren Unfähigkeit oder Unwillen, vom Sex selber zu sprechen, sei dahin führte, sich in erster Linie seinen Verirrungen, Perversionen, Absonderlichkeiten, pathologischen Schwunderscheinungen und krankhaften Übersteigerungen zuzuwenden. Es handelt sich um eine Wissenschaft, die in ihrem Wesen dem Imperativen einer Moral verpflichtet war, deren Teilungen sie unter dem Vorzeichen der medizinischen Norm wiederholte. Unter dem Vorwand der Wahrheit erweckte sie allerorten Ängste und sprach den geringfügigsten Schwankungen der Sexualität einen  imaginären Stammbaum der Krankheiten zu, die sich über Generationen hinweg auswirken sollte. Sie erklärte die heimlichen Gewohnheiten der Schüchternen  und die kleinen, einsamen Manien zu Gefahren für die gesamte Gesellschaft und stellte ans Ende der ungewöhnlichen Lüste nichts Geringeres als den Tod: den Tod der Individuen, den der Generationen, den der Spezies.“ (Michel Foucault. Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit. Frankfurt a. M. 1983. S. 69, f.)

 

Michel Foucault beschreibt damit die reale Faszination von Menschen für Diskurse über ein Thema bei gleichzeitiger fehlender Auseinandersetzung mit diesen. Die Allgegenwärtigkeit von Sexualität ist eine Form des Diskurses, bedeutet aber keinesfalls eine reflexive Auseinandersetzung mit Sex. Dieses Sprechen und Nicht-Sprechen schafft Diskursräume und Ebenen der Bewertung. Dies ist ein Grund, warum beispielsweise Geschlecht und Sexualität (spezifisch Frau/Mann-Sein oder Homosexualität) so präsent, aber zugleich so tabuisiert und von Vorurteilen geprägt sein können.
Foucault argumentiert dabei keinesfalls neben einem Zeitgeist, wie das Interview mit einem der führenden Philosophen des 20. Jahrhunderts, Jean-Paul Sartre, zeigt:

 

Im Unterschied zu einigen meiner Freunde jedoch bin ich nicht davon überzeugt, daß alles Tun und Lassen des Menschen einen sexuellen Grund hat. Aber wie dem auch sei, ich glaube nicht, daß sich die Infrastruktur des Geschlechtstriebes völlig intakt in der Suprastruktur der Persönlichkeit wiederfindet. Und wenn, dann auf einer ganz neuen Ebene und in völlig anderer Form, wie jeder, der an den dialektischen Prozeß glaubt, zugeben muß. 
Man mag sagen, die Politik eines Menschen spiegele seine geschlechtlichen Wünsche, aber ebensogut kann man behaupten, seine geschlechtlichen Wünsche spiegelten eine grundlegende Sympathie für die Menschheit, die sich vielleicht später auf das Gebiet der Politik überträgt. Auf jeden Fall war Freud der erste, auf etwas ganz außerordentlich Wichtiges hinzuweisen: daß alles, was einen Menschen ausmacht, vernünftig ist. […] Und Freuds zweite große Entdeckung war, daß selbst auf dem Feld der Selbsterkenntnis aller Fortschritt des Menschen seinen Bedürfnissen entspringt. Ich sehe Freud als einen hervorragenden Materialisten. Er hat den Hunger darum nicht in den Vordergrund gerückt, weil er aus einer Umwelt kam, in der dieses Bedürfnis nicht bestand; statt dessen wählte er die Sexualität, die ebenso notwendig ist – nicht weil der Mensch ohne sie sterben würde, sondern weil ihr Fehlen ihn wahnsinnig, machen kann.“ (Kenneth Tynan. Jean-Paul Sartre, Ein Gespräch über Brecht, Beckett, Arthur Miller und Tennessee Williams – Fallstricke und Vorzüge der Psychologie – Gelangen wir zu neuer Einfachheit? In: Die Zeit 1961. Entnommen 8/2025. http://www.zeit.de/1961/29/jean-paul-satre/komplettansicht)

 

Gerade die Auseinandersetzung mit Geschlechter- und Sexualnormen war für die Wissenschaft des ausgehenden 19. und insbesondere des 20. Jahrhunderts von Interesse, da sich hier nachweisbare Konstruktionselemente gesellschaftlicher Normvorstellungen zeigen. Mit ihrem 1990 erschienenen Werk Gender Trouble  (siehe: Judith Butler. Gender Trouble. New York 1990) setzte die Sprachphilosophin Judith Butler wichtige theoretische Impulse in der Debatte um Vielfalt. Weitere bedeutende Persönlichkeiten in diesem Kontext sind unter anderem Eve Kosofsky Sedgwick, Gayle Rubin, Jeffrey Escoffier, David Halperin, Dagmar Herzog und Barbara Duden. In den 1990er Jahren knüpfte Judith Butler mit einem viel rezipierten Buch an dieses Thema an und setzte weitere theoretische Impulse in der Debatte um Diversität. Bis heute ist sie eine der am intensivsten diskutierten Wissenschaftlerinnen ihres Fachs. Ihr Standpunkt:

 

„Wenn Simone de Beauvoir behauptet, als Frau werde man nicht geboren, sondern zur Frau werde man erst, dann übernimmt sie diese Lehre von den konstitutiven Akten aus der phänomenologischen Tradition und deutet sie neu. In diesem Sinn ist die Geschlechterzugehörigkeit keineswegs die stabile Identität eines Handlungsortes, von dem dann verschiedene Akte rausgehen; vielmehr ist sie eine Identität, die stets zerbrechlich in der Zeit konstituiert ist - eine Identität, die durch eine stilisierte Wiederholung von Akten zustande kommt. Zudem wird die Geschlechterzugehörigkeit durch die Stilisierung des Körpers instituiert und ist also als die sachliche Art und Weise zu verstehen, in der verschiedenartige körperliche Gesten, Bewegungen und Inszenierungen die Illusion eines beständigen, geschlechtlich bestimmten Selbst erzeugen. Die Konzeption der Geschlechterzugehörigkeit wird damit aus dem Rahmen substantieller Identitätsmodelle herausgenommen und in einen Rahmen versetzt, der die Konzeption einer konstituierten sozialen Zeitlichkeit erfordert. Wenn nun die Geschlechterzugehörigkeit durch von innen her diskontinuierliche Akte konstituiert wird, dann ist der Anschein von Substantialität eben dies: eine konstruierte Identität, eine performative Leistung, an welche das weltliche gesellschaftliche Publikum einschließlich der Akteure selbst nun glaubt und die es im Modus des Glaubens performiert.“ (Judith Butler. Performative Akte und Geschlechterkonstruktion, Phänomenologie und feministische Theorie. In: Wirth [Hg.]. Performanz, Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaft. Frankfurt a. M. 2002. S. 301, f.).

 

Wie dieser Ausschnitt vor Augen führt, legt Judith Butler einen starken Fokus auf die Performanz, also das Darstellen, von scheinbar angeborenen Facetten des Menschseins, und entlarvt eben diese – ähnlich einer Charakterrolle auf der Bühne – als gesellschaftliche Performanzen, die wir als Gesellschaft, aber auch als Individuen, erfüllen. Die grundlegende Erklärung dazu formuliert sie in ihrem Werk Gender Trouble. Judith Butler hat mit fundierten Argumenten die Eindeutigkeit von Geschlecht und Sexualität ins Wanken gebracht und damit eine Offenheit geschaffen, die es ermöglicht, diese Uneindeutigkeit zu interpretieren. Sie selbst meint dazu:

 

„There can be transgendered men who desire other men. There can be transgendered men who desire women. There can be transgendered women who like lesbians or who like heterosexual men or who like both or don’t like either. So in a way we can’t draw conclusions on the basis of gender, gender presentation in particular, about what a person’s sexuality might be. 
A man who reads effeminate may well be consistently heterosexual and another one might be gay. We can’t read sexuality off of gender. We can’t derive sexuality from gender. At the same time it seems to me that if we are to understand how gender normativity works we have to understand pretty clearly that there are men who really want to know that is a woman, and that is a man because they want to make sure they only sleep with women, or that they’re only attracted to women, or that their heterosexuality isn’t unsettled by somebody’s ambiguous gender presentation. And there are women who want to know that their heterosexuality is secure, that there is nothing about them that is particularly masculine and that they are discretely feminine in order to be discretely heterosexual. That anxiety can actually produce some pretty violent consequences: ‚I am not a homosexual. I don’t like homosexuals. I think homosexuality should be outlawed. I don’t think homosexuals should get married.‘ 
We have a number of kinds of highly reactionary views that I think are based in that anxiety and even ways of thinking about the AIDS crisis, for instance, in which people thought homosexuals died disproportionately in that crisis and it’s their own fault and so if they died, it doesn’t matter, they weren’t living a life worth living.
I think we won’t be able to understand the operations of trans-phobia, homophobia, if we don’t understand how certain kinds of links are forged between gender and sexuality in the minds of those who want masculinity to be absolutely separate from femininity and heterosexuality to be absolutely separate from homosexuality.“ (Judith Butler. The Difference Between Sexuality and Gender. In: Big Think, 2023. Entnommen 8/2025. http://bigthink.com/in-their-own-words/the-difference-between-sex-and-gender)

 

Gerade im US-amerikanischen Raum hat sich in den letzten Jahrzehnten eine intensive theoretische Auseinandersetzung ergeben, die wiederum im euro-amerikanischen Raum auf entsprechende Resonanz gestoßen ist. Die zunehmende Sichtbarkeit von Diversität in postmodernen Gesellschaften führt insbesondere an Hochschulen zu einem immer intensiveren (Fach-)Diskurs, der auch aktuelle Bezüge aufgreift. In diesem Zusammenhang ist das Werk des US-amerikanischen Wissenschaftlers Michael Warner zu nennen, dessen Buch The Trouble with Normal: Sex, Politics, and the Ethics of Queer Life einen weitreichend beachteten Beitrag zur Veröffentlichung brachte. In seiner Abhandlung problematisiert er die scheinbar eindeutige gesellschaftliche Normalität im Spannungsfeld von Sex, Politik und queerem Leben.

 

Within the context of the gay and lesbian movement, ‚left‘ and ‚right‘ are given rather special usage, in which ‚left‘ means pro-sex and right means anti-sex. […] The implication tends to be that those who favor sex, especially casual sex, are opposed by those who favor romantic love. But queer culture is the last place where this opposition should be taken for granted. One of its greatest contributions to modern life is the discovery that you can have both: intimacy and casualness; long-term commitment and sex with strangers; romantic love and perverse pleasure.“ (Michael Warner. The trouble with normal, Sex, Politics, and the Ethics of Queer Life. Cambridge 1999. S. 73)

 

Diese Dichotomie verschärft sich tiefgreifend, wie Michael Warner im weiteren Verlauf ausführt:


The embrace of normal is also a prime example of antipolitical politics. The point of being normal is to blend, to have no visible difference and no conflict. […] When you begin interacting with people in queer culture, by contrast, you unlearn that perspective. You learn that everyone deviates from the norm in some context or other, and that the statistical norm has no moral value. You begin to recognise how stultifying the faith in the norm can be. You learn that the people who look most different from you can be, by virtue of that fact, the very people from whom you have the most to learn.“ (Michael Warner. The trouble with normal, Sex, Politics, and the Ethics of Queer Life. Cambridge 1999. S. 60, ff.)

 

Denn, so Warner:


„The public sexual culture changes the nature of sex, much as a public intellectual culture changes the nature of thoughts. Sexual knowledges can be made cumulative. They circulate. […] The dominant culture of privacy wants you to lie about this corporal publicness. It wants you to pretend that your sexuality sprang form your nature alone and found expression solely with your mate, that sexual knowledge neither circulate among others nor accumulate over time in a way that is transmissible. The articulated sexuality of gay men and lesbian is a mode of existence that is simultaneously public - even it is bodily sensations - and extremely intimate. It is now in jeopardy even within the gay movement, as gay men and lesbians are more and more drawn to a moralizing that chimes in with homophobic stereotype, with a wizened utopianism that confuses our maturity with marriage to the law, and perhaps most insidiously of all, with the privatization of sex in the fantasy that mass-mediated belonging could ever substitute for the public world of a sexual culture.“ (Michael Warner. The trouble with normal, Sex, Politics, and the Ethics of Queer Life. Cambridge 1999. S. 178, f.)


Warner schließt seine theoretische Auseinandersetzung mit dem Hinweis: 


„I want to inspire queers to be more articulate about the world they have already made, with all its variations from the norm, with its ethical understanding of the importance of those variations, with its ethical refusal of shame or implicitly shaming standards of dignity, with its refusal of the tactful silences that preserve hetero privilege, and with the full range of play and waste and public activity that goes into making a world.“ (Michael Warner. The trouble with normal, Sex, Politics, and the Ethics of Queer Life. Cambridge 1999. S. 192, f.)

 

Die jeweiligen Schwerpunkte dieser theoretischen Auseinandersetzungen zeigen deutlich, wie stark, allgegenwärtig und tiefgreifend Normen in einem Zusammenleben einflussnehmend wirken. Es lässt sich beobachten, dass sie sowohl äußerlich als auch innerlich angewendet werden. Mit diesem theoretischen Wissen ist die banale Frage Was ist normal? ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert keinesfalls mehr leicht zu beantworten. In Betrachtung der gesellschaftlichen Bewegungen wird zudem deutlich, dass immer mehr Menschen ein konformes normal nicht verstehen können, wollen oder dürfen. Dies ist sowohl bei der induktiven als auch bei der deduktiven Definition von Zielgruppen als auch im individuellen Selbstverständnis von Menschen ein entscheidender Faktor für eine politische Mobilisierung. Noch nie schien es so schwer, normal zu sein, vor allem, wenn die Norm auf imaginäre, nostalgische Fantasien zurückgreift oder wenn eine Vielzahl an Mitglieder der Gesellschaft aufgrund von Überforderung die Vielfalt des Andersseins nicht akzeptiert.

 

„Die zweite Dimension in diesem ‚Gentlemen Agreement‘ einer hetero-normativen Ordnung und schwul-lesbischer Identität ist die Akzeptanz der Distanz in Beziehungen. Der gesellschaftliche Umgang mit öffentlich-sichtbaren Intimitäten unterliegt tiefverwurzelten Regeln. Was ist gesellschaftlich adäquat und wo wird die Grenze einer ‚Sittlichkeit‘ überschritten? Zwei Fragen, die permanent neu gestellt und beantwortet werden möchten. Dabei scheint es so, als handle es sich um eine permanente Auseinandersetzung mit menschlichen Intimitäten und ihrer Sichtbarkeit als Schauspiel im Vorhof der anerkannten Sexualitäten. Die öffentlich sichtbare gleichgeschlechtliche Zuneigung droht hierbei das fragile Konstrukt der Ordnung um zwischenmenschliche Nähe zu verletzen. Die sichtbare Liebe zwischen Frau-Frau und Mann-Mann trägt die unsichtbare aber offensichtliche Sexualität zur Schau und führt zu einem akuten Erklärungsdefizit. Es entsteht der Zwang, unausgesprochene Grundsätze zu artikulieren, ja, eine heteronormative Ordnung die gegeben ist, legitimieren zu müssen. Nicht nur eine sexuelle Ordnung, sondern ebenso die Norm geschlechtlicher Verhaltensweisen. Die Entsprechung einer Rolle als Mann oder Frau und der Verrat durch Intimität zum gleichen Geschlecht führt unweigerlich zu einer Krise der Definition, was die Norm sei, und zu einer Unordnung des Sichtbaren.“ (Martin J. Gössl. Schöne, queere Zeiten?, Eine praxisbezogene Perspektive auf die Gender und Queer Studies. Bielefeld 2014. S. 22)

 

Die nicht fassbare Macht wird zu keiner Zeit an einem entlegenen Ort aufbewahrt, von wo aus sie dann in gleichen Teilen an alle übermittelt wird. Vielmehr trägt sie immer das Moment der ungerechten Konzentration in sich. Es sind Verhandlungen, die in einem „Vorhof der Macht“ (Martin J. Gössl. Schöne, queere Zeiten?, Eine praxisbezogene Perspektive auf die Gender und Queer Studies. Bielefeld 2014. S. 50) in dynamischen Prozessen vonstattengehen. Dabei können nachvollziehbare Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse ein Gewicht entfalten, müssen es aber nicht.


„Es geht im Detail um die allseits bekannten strukturellen Ungleichstellungen und Mechanismen der Macht und dabei weiterführend um Konstruktionen von Hegemonien und der permanenten Definition von Normen. Die Kritik richtet sich dabei keinesfalls gegen die Vielfalt, sondern genau umgekehrt, da gerade die individuelle Komponente ein wissenschaftliches Interesse darstellt und als Balance für ein gesellschaftliches Gleichgewicht notwendig ist. Queere Perspektiven in politische Forderungen eingewebt verlangen eine breite Zugangsweise in den Fragestellungen und einen subkulturellen Zusammenschluss für die sichtbare Repräsentation einer gesellschaftlichen Breite. Weder die Mehrheit noch die Minderheit – egal wer dies nun sein mag – soll dabei die Normen prägen dürfen. Humanistische Grundpfeiler geben das schon in den vergangenen Jahrhunderten hart erarbeitete Grundmuster vor, auf Basis welcher aufbauende, dynamische Strukturen entstehen können. Freilich handelt es sich dabei um eine idealisierte Vorstellung einer Demokratie, wobei sich eine Minderheitenforschung der Kritik einer ‚rosa Brille‘ nicht verschließen kann. Die Definitionskategorien, welche zwar von VertreterInnen einer Wissenschaft teilweise durch Erkenntnisse und theoretischen Arbeiten an- und ausgesprochen werden, sind jedoch im Alltagsleben unausgesprochen und lose herrschend, unbewusst vernetzt oder gar exklusiv. Es gibt keinen Club, der die herrschende weiße, christliche, männliche Mittel- und Oberschicht als Ganzes vertritt. Andererseits gibt es keine politische Forderung nach Herrschaft, die tagtäglich neu ausgerufen wird. Es ist jene bekannte abstrakte Form von Macht, die systemisch – anhand von Statistiken beispielsweise – feststellbar ist oder anhand überschaubarer Forschungsgegenstände nachweislich wird.“ (Martin J. Gössl. Schöne, queere Zeiten?, Eine praxisbezogene Perspektive auf die Gender und Queer Studies. Bielefeld 2014. S. 47, f.)

 

Die Freiheit des Einzelnen hat das Recht auf Entfaltung, solange diese frei und im Einklang mit sich selbst, ohne andere zu schaden, gelebt wird. Dies mag kulturelle Normen herausfordern und mit einer scheinbar historischen Klarheit brechen, doch nur so ist dieser Grundsatz als Quintessenz der sozialen Befreiungsbewegungen fortführbar. Dabei bleiben subkulturelle Dimensionen sowohl aus externer Perspektive als auch in internen Auseinandersetzungen einzigartige Räume, die stets spezifische Aspekte der Gegenwart widerspiegeln.

 

„Queere Kultur ist Ausdruck einer Vergangenheit der Verfolgung, Unterdrückung, der Revolution und Emanzipation, sie beheimatet Gepflogenheiten des Alltages und bietet Freiheiten für Identitätsbildungen. Sie gibt Raum für Proteste, für Zuneigungen und Sexualitäten, entfesselt die Geschlechter für eine Vielzahl an potenziellen Chancen alternativer Normalitäten. All das ist würdig und recht, anerkannt zu werden, als das, was es ist: kultureller Reichtum.“ (Martin J. Gössl. Unbehaglich Queer, Das ernste Spiel mit der Anerkennung. Bielefeld 2022. S. 114, f.)

 

Doch der Anpassungsdruck und die Konformitätsfantasien entstehen nicht nur durch externe Kräfte, sondern haben stets auch eine interne Komponente. Gerade deshalb sind Allianzbemühungen so herausfordernd:

 

„Queere Anerkennung bedeutet, Fakten, Hintergründen und fließendem Diskurs Raum zur Reflexion zu geben. Dessen Sichtbarkeit umfasst mehrheitliche und subkulturelle sowie reale und virtuelle Dimensionen und werden nicht nur von übergeordneten Kollektiven, sondern auch durch jede ganz persönliche Handlung gestaltet. Wert- und Geringschätzungen tragen permanent unzählige Facetten zu einer queeren Anerkennungsdynamik bei, entscheiden im Einzelnen und in der Betrachtung einer Gruppe, welche Mechanismen deutlich werden und welche verblassen beziehungsweise verdrängt werden. Allzu gern werden diese Geringschätzungen einer Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben, doch [...] ist dies zu kurz gegriffen. Vielmehr ist es die wohlbekannte Beschwichtigung von Vertreter*innen einer queeren Gemeinschaft, das eigene Versagen und die fehlende Solidarität, anderen zuzuschieben. Es gibt jene, die sich angepasst in einer queeren Gemeinschaft bewegen, sowie die Möglichkeit, sozial-kulturelle Facetten von Queerness auszuleben und andere Bereiche zu ignorieren, die unpassend oder unangenehm erscheinen. Diese Strategie lässt das eigene Anderssein richtig erscheinen und gibt Kraft, sich mit dem Ausschnitt der passenden queeren Gemeinschaft zu solidarisieren und die eigene Etablierung in einer nonqueeren Alltagswelt fortlaufend zu meistern. Daraus können sich die beiden wohlbekannten Gefahrenzonen entwickeln, nämlich die einer erdrückenden Heteronormativität und jene einer überwältigenden Queerness. Es droht die prekäre Existenz zwischen zwei Welten, nämlich einerseits in jener der nonqueeren Leistungsgesellschaft, in der man ohne queeres Eingeständnis gleichberechtigt mitspielen kann. Und die queere Subkultur, die Begehren (sexuell, emotional, aber auch kulturell) bietet, jedoch mögliche vorhandene Toleranzbereiche einer akzeptierten Queerness überdehnen. Es ist somit nicht nur ein Minority Stress [...] der entsprechende Auswirkungen entfaltet, sondern es sind gleichsam internalisierte Normen einer Mehrheitsgesellschaft, die großes Unverständnis für die unangepasste Gesamtheit der queeren Subkultur mit sich bringen. In der Konsequenz ist der Gedanke, einer Minderheit anzugehören, nur dadurch erdrückend, weil sich die Minderheit in ihrer vielfältigen Ausdrucksweise so unkontrolliert von eigenen Idealen (und normativen Idealisierungen) ausbreitet.“ (Martin J. Gössl. Unbehaglich Queer, Das ernste Spiel mit der Anerkennung. Bielefeld 2022. S. 136, f.)


6. Vielfalt in Studien

 

Die theoretische Auseinandersetzung fußt neben einem diskursiven Austausch über historische und gesellschaftlich-normative Strukturen auch auf der Möglichkeit, Querverweise zu themenspezifischen Feldforschungen und statistischen Erhebungen zu legen.


In ihrer gleichnamigen Show im US-amerikanischen Fernsehen machte Moderatorin Oprah Winfrey Platz für einen solchen Bezug in Form eines sozialen Experiments. Nach einem einfachen Prinzip teilte sie ihre ZuschauerInnen beim Betreten der Showbühne in zwei Gruppen ein: jene mit braunen und jene mit blauen Augen. Die Braunäugigen wurden anschließend besser behandelt als die Blauäugigen: Sie durften früher ins Studio, erhielten bessere Sitzplätze und sogar Donuts und Getränke. Um den Unterschied sichtbarer zu machen, mussten die Blauäugigen zusätzlich einen grünen Pappkragen tragen und waren somit für alle im Studio befindlichen Personen sofort erkennbar. Als eine dem Experiment eingeweihte scheinbare Lehrerin erzählte, dass in ihrer Schulkarriere ganz klare Unterschiede zwischen Braun- und Blauäugigen erkennbar waren, gab es in der Dynamik des Publikums kein Halten mehr. Die Blauäugigen wurden plötzlich als dümmer und unverschämter wahrgenommen. Um eine Eskalation zu vermeiden, wurde das Experiment an diesem Punkt abgebrochen und für alle Beteiligten aufgelöst. Eine Sozialforscherin erklärte den Kontext von Rassismus und Vorurteilen (siehe: Michelle Gant. Oprah's controversial 1992 secret racism experiment on her audience is still matters today, 1992. Entnommen 8/2025. https://www.upworthy.com/experiences-of-racism-ex1).


Aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Welle der Vorurteile im Publikum dieser US-TV-Show jedoch wenig überraschend, da das Sozialexperiment in der Oprah Winfrey Show auf dem bereits lange bekannten Solomon-Asch-Experiment fußt.
Der US-amerikanische Psychologe Solomon Asch interessierte sich sehr für das Thema der Gruppenkonformität. Er entwarf ein Experiment, das den Druck einer Mehrheit auf ein einzelnes Individuum darstellen sollte: das Asch-Experiment. Der Aufbau ist denkbar einfach: Es handelt sich um einen vorgetäuschten Sehtest mit scheinbar eindeutiger Antwortstruktur. Eine Probandperson befindet sich mit sieben eingeweihten Testkomparsen im Raum. Allen wurde die gleiche Frage gestellt: Eine dargelegte Linie auf einem Blatt Papier sollte einer von dreien ebenso dargestellten Musterlinien zugeordnet werden. Der Schwierigkeitsgrad ist gering und die Zuordnung der Linie nach objektiven Kriterien stellt keine Schwierigkeit dar. Die Testkomparsen sind jedoch angewiesen, eine gemeinsame falsche Antwort zu geben, wobei die Probandperson am Ende zu Wort kommen darf. Das Ergebnis ist beeindruckend (siehe: Saul McLeod. Asch Experiment. In: Simply Psychology, 2025. Entnommen 8/2025. https://www.simplypsychology.org/asch-conformity.html):

 

„Results: Asch measured the number of times each participant conformed to the majority view.  On average, about one third (32%) of the participants who were placed in this situation went along and conformed with the clearly incorrect majority on the critical trials. Over the 12 critical trials about 75% of participants conformed at least once, and 25% of participant never conformed. In the control group, with no pressure to conform to confederates, less than 1% of participants gave the wrong answer.
Conclusion: Why did the participants conform so readily?  When they were interviewed after the experiment, most of them said that they did not really believe their conforming answers, but had gone along with the group for fear of being ridiculed or thought "peculiar".  A few of them said that they really did believe the group's answers were correct. Apparently, people conform for two main reasons: because they want to fit in with the group (normative influence) and because they believe the group is better informed than they are (informational influence).“ (Saul McLeod. Asch Experiment. In: Simply Psychology, 2025. Entnommen 8/2025. https://www.simplypsychology.org/asch-conformity.html)


Dieses Funktionieren in der Gruppe und die Hinwendung zu einer Mehrheit sind somit Teil der menschlichen Psyche. Sie wirken sich entscheidend auf die menschliche Erziehung und Sozialisation sowie auf die Bildung gesellschaftlicher Mehrheiten aus.

 

Dieses Moment erfährt noch eine Erweiterung. Die Entstehung von Vorurteilen und Klischees in ihrer allgemeinen, beinahe täglichen Anwendung ist nur schwer fassbar. Dass sie sich jedoch schnell und ebenso tiefgreifend entfalten, wird durch das Doll-Experiment deutlich.
The Doll Test von Kenneth und Mamie Clark aus den 1940er Jahren ist in seiner Struktur und im Ergebnis einfach und eindeutig. Darin werden Kindern im Alter von drei bis sieben Jahren zwei Puppen zum Spielen vorgelegt: eine mit weißer und eine mit schwarzer Hautfarbe. Die Frage an die Kinder ist immer gleich: Welche dieser beiden Puppen bevorzugen sie und welche Eigenschaften schreiben sie dieser gewählten Puppe zu? Eine Mehrheit der Kinder wählte damals die Puppe mit der hellen Hautfarbe und assoziierte mit dieser durchweg gute Eigenschaften. Dies war nicht nur bei weißen Kindern der Fall, sondern auch bei Kindern mit dunkler Hautfarbe, die mehrheitlich die hellhäutige Puppe mit denselben Eigenschaften wählten (siehe: Legal Defense & Educational Fund. The Doll Test. Entnommen 8/2025. https://www.naacpldf.org/brown-vs-board/significance-doll-test/):

 

„In a particularly memorable episode while Dr. Clark was conducting experiments in rural Arkansas, he asked a black child which doll was most like him. The child responded by smiling and pointing to the brown doll: ‚That's a nigger. I'm a nigger.‘ Dr. Clark described this experience ‚as disturbing, or more disturbing, than the children in Massachusetts who would refuse to answer the question or who would cry and run out of the room.’“ (Legal Defense & Educational Fund. The Doll Test. Entnommen 8/2025. https://www.naacpldf.org/brown-vs-board/significance-doll-test/)

 

Auch hier weichen die aktuellen Studienergebnisse nur wenig von den historischen Werten ab. Das musste eine Studie des Senders CNN aus dem Jahr 2010 unter der Leitung von Anderson Cooper feststellen (siehe: Debbie Behan Garrett. Black Doll Collecting, 2011. Entnommen 8/2025. https://blackdollcollecting.blogspot.com/search/label/Anderson%20Cooper%27s%20Doll%20Test).

 

Entsprechend dieser Ergebnisse stellte Stanley Milgram, ein Schüler von Solomon Asch, an der Yale University die Frage, inwieweit Menschen bereit sind, Autoritäten Folge zu leisten. Diese Frage wurde durch die Entnazifizierung in Deutschland inspiriert. Ähnlich wie bei Aschs Versuch gibt es in diesem Experiment - dem sogenannten Stanley Milgram Shock Experiment - eine Probandenperson, die mit zwei Schauspielenden in eine Testsituation versetzt wird. Das hierfür notwendige Setting: Ein Lernende (Testkomparse) soll studieren, während die Versuchsleitung (ebenso Testkomparse) überwacht und die nun Lehrende (Probandenperson) Misserfolge mit einem elektrischen Schlag ahndet. Dem Lehrenden (Probandenperson) wird erklärt, dass sich die Intensität der verabreichten Stromstöße für die  Lernende (Testkomparse) bei jeder Falschantwort um 15 Volt erhöht. Sowohl die Motivationen der Versuchsleitung  - Bitte, fahren Sie fort! Bitte machen Sie weiter. Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen. Sie müssen unbedingt weitermachen. Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen - als auch die Reaktionen der Lernenden (Testkomparse) -  es geht bis hin zu einem Flehen, damit aufzuhören - sind standardisiert. Das Resultat (siehe: Saul McLeod. The Milgram Experiment. In: Simply Psychology, 2025. Entnommen 8/2025. https://www.simplypsychology.org/milgram.html):

 

„65% (two-thirds) of participants (i.e., teachers) continued to the highest level of 450 volts. All the participants continued to 300 volts. Milgram did more than one experiment – he carried out 18 variations of his study.  All he did was alter the situation (IV) to see how this affected obedience (DV).
Conclusion: Ordinary people are likely to follow orders given by an authority figure, even to the extent of killing an innocent human being.  Obedience to authority is ingrained in us all from the way we are brought up. People tend to obey orders from other people if they recognize their authority as morally right and/or legally based. This response to legitimate authority is learned in a variety of situations, for example in the family, school, and workplace.“ (Saul McLeod. The Milgram Experiment. In: Simply Psychology, 2025. Entnommen 8/2025. https://www.simplypsychology.org/milgram.html)

 

All diese Experimente, die in ihrer Versuchsanordnung jederzeit und überall wiederholbar sind, verdeutlichen eindrucksvoll, wie stark menschliche Wahrnehmungs- und Reaktionsmuster beeinflusst werden können. Daher sind kritische Reflexionsschleifen über das eigene Handeln sowie die permanente Abgleichung generierten Wissens mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen essenziell, um systemische Irrwege zu entlarven.


7. Numerische Facetten einer Vielfalt

 

Die Vielfalt einer Gesellschaft sowie die Bedingungen der Verteilung bzw. des Zugangs zu Ressourcen sind auch auf Makroebene gut ablesbar. Verschiedenste statistische Formate liefern dazu fundiertes Datenmaterial und geben Auskunft über kollektive Ist-Zustände. Dabei sind Daten von Nichtregierungsorganisationen ebenso valide und hilfreich wie Informationen aus staatlichen Institutionen oder Regierungsformaten wie den Vereinten Nationen oder Unionen. Formate mit soliden Datenmaterialien sind: 

 

United Nations Data. www.data.un.org

 

United Nations Department of Economic and Social Affairs Statistics. www.unstats.un.org

 

European Commission Eurostat. www.ec.europa.eu/eurostat

 

United States Census Bureau. www.census.gov

 

Statistik Austria. www.statistik.at

 

Die Vereinten Nationen verfügen mit der Statistischen Abteilung über eine Institution, die geografisch wohl am weitesten gefasst ist und Daten zu verschiedensten Fragestellungen bereitstellt. Dabei werden sowohl Methoden als auch Themenbegriffe transparent dargelegt, um eine Vielzahl von Datensätzen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nationale Daten sind dabei ebenso Teil der Darstellung wie regionale Faktoren oder nationale Standards, die auf internationaler Ebene verglichen werden. Die sich daraus oftmals ergebenden Probleme betreffen insbesondere die Unvergleichbarkeit von Datensätzen, da die Erhebungsmethoden nicht immer standardisierten und einheitlichen Prinzipien folgen. Daher kann es sein, dass zu einer spezifischen oder manchmal auch unspezifischen Fragestellung nur wenige nationale Datensätze zur Verfügung stehen. Beispielsweise umfasst die Statistik zu Abtreibungen eine durchaus umfassende Liste, jedoch bei weitem nicht alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Je nach politischen Situationen oder demokratischer Notwendigkeit werden auf nationaler Ebene vertiefende Erhebungen durchgeführt und die daraus resultierenden Daten weitergereicht.

Die Statistik Austria und der US Census sind staatliche Institutionen, die im Auftrag des Staates umfassende Untersuchungen durchführen. Gerade bei solchen Quellen ist es unerlässlich, die Qualität der Daten zu überprüfen. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit die Daten nach objektiven und transparenten Kriterien erstellt wurden und unabhängig von einer politischen Agenda ausgewiesen werden.
Ebenso wichtig ist, dass verschiedene Daten teilweise aufgrund fehlender Traditionen nur regional vorhanden sind. Erwähnenswert ist beispielsweise, dass die USA eine jahrzehntelange Tradition in der Erhebung von Ethnie oder Migration und den darauffolgenden Generationen vorweisen können.

Erhellend sind auch Daten von spezifischen Organisationen, die Erhebungen mit einem Fokus für die eigene Sache erstellen. Beispiele hierfür sind AIDSinfo (siehe: AIDSinfo. Entnommen 8/2025. https://aidsinfo.unaids.org/), Daten der World Health Organization (siehe: WHO Data. Entnommen 8/2025. https://data.who.int/) oder der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, and Intersex Association (siehe: ILGA. Entnommen 8/2025. https://ilga.org/).


8. Einflussfaktoren und relevante Aspekte

 

Um die Einflussfaktoren für In- und Exklusion von Individuen oder Gruppen zu erklären, muss die anthropologische Bedeutung von Angst (emotionales Unwohlsein) als zutiefst menschliche Regung beleuchtet werden. Der Philosoph Erhard Oeser legt in seinem Buch zur Xenophobie dar:

 

„Wenngleich das hier zusammengetragene historische Material an Grausamkeit und Gräueln sich nur schwer ertragen lässt, ist eine solche Auflistung und rücksichtslose Darstellung für eine möglichst objektive Beurteilung von Xenophobie, die heutzutage fast ausschließlich zu einer Islamophobie geworden ist, eine absolute Notwendigkeit. Denn Fremdenhass und Fremdenfeindlichkeit waren seit Anbeginn der Menschheit vorhanden und konnten im Laufe ihrer Entwicklung zur Zivilisation nicht beseitigt werden, sondern haben sich vielmehr zu größter Brutalität gesteigert. […] Denn die Auseinandersetzung der Kulturen wird nicht auf der Ebene wissenschaftlicher Rationalität geführt, sondern auf der emotionalen Ebene, die durch Angst, wirtschaftlichen Neid, religiösen Fanatismus und die darauf basierenden politischen Hetzreden gekennzeichnet ist.“ (Erhard Oeser. Die Angst vor dem Fremden, Die Wurzeln der Xenophobie. Darmstadt 2015. S. 11, ff.)

 

Seine einleitende Bemerkung mündet in eine treffliche Analyse der historischen Aufarbeitung von Xenophobie, also von historisch manifestierten Referenzen zu Angst, Hass und Fremdenfeindlichkeit aus multikultureller Perspektive. Diese Darlegung wirft die wichtige Frage auf, wie man einem solch stark dem menschlichen Wesen entsprechenden Verhalten begegnen muss, um Xenophobie entgegenwirken zu können. Erhard Oeser bleibt diese Antwort in einem späteren Interview nicht schuldig, in dem er feststellt:

 

Es hat aber auch immer nicht nur einen ‚Wissenschaftlichen Universalismus‘ sondern auch jenseits der traditionell verfestigten Moralvorstellungen und Religionen Ansätze zu einem universalen Humanismus gegeben und es gibt ihn auch heute. Das geschieht immer dann, wenn der Fremde nicht mehr der andere Fremde bleibt, sondern man sich dem Anderen dadurch nähert, dass man durch einen gewaltlosen Dialog das Gemeinsame hervorhebt und die bestehenden Unterschiede anerkennt. Voraussetzung dafür ist das Sichzueigenmachen der fremden Sprache, Kultur und Religion. Das historische Beispiel aus der Frühzeit des Islam ist das durch die Araber eroberte spanische Al-Andalus, wo es einen  ‚arabisch-islamischen Humanismus‘ gegeben hat, auf den sich heute selbstkritische arabische Autoren berufen, die eine säkularisierende Reform des Islam in Betracht ziehen. Für sie ist Andalusien ein Symbol für die Vernunft, die keine Rache kennt. Oder mit den Worten des tunesischen Philosophen Mohamed Turki ausgedrückt, mit dem ich persönlich einen Dialog über unsere gemeinsamen Ansichten führen konnte:  ‚Das Gesicht der Menschheit ist bisher voller Narben, dennoch bleibt das Prinzip Hoffnung für eine Verwirklichung eines globalen und interkulturellen Humanismus weiterhin bestehen‘.“ (Georgios Chatzoudis. Xenophobie ist die dunkle Seite der Zivilisation. In: L.I.S.A. Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, 2016. Entnommen 8/2025. https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/xenophobie)


Angst, Hass und Feindseligkeit müssen neben der Fähigkeit zum Diskurs und einer fundierten, datenbasierten Debatte auch auf persönlicher Ebene begegnet werden, wenn die Alltäglichkeit nicht aus dem Blickfeld geraten soll. Damit rückt plötzlich die Individualisierung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim haben sich diesem Phänomen aus historischer und soziologischer Perspektive genähert. Die Abkehr von kollektivem Vertrauen hin zu individueller Lebensführung ist eine Tatsache der Industriegesellschaften und eine mögliche Reaktion darauf.

 

„Das entscheidende Kennzeichen dieser modernen Vorgaben ist, daß das Individuum sie, weit mehr als früher, gewissermaßen selbst herstellen muß, im eigenen Handeln in die Biographie hereinholen muß. Das hat wesentlich damit zu tun, daß die traditionellen Vorgaben oft rigorose Handlungsbeschränkungen, ja Handlungsverbote beinhaltete (wie etwa die Heiratsverbote der vorindustriellen Gesellschaft, die den besitzlosen Bevölkerungsgruppen eine Eheschließung unmöglich machte; oder die Reiseverbote und Heiratsverbote der Ostblockstaaten, die Kontakt zum ‚Klassenfeind‘ untersagten). Dagegen sind die institutionellen Vorgaben der modernen westlichen Gesellschaft eher Leistungsangebote bzw. Handlungsanreize - man denke etwas an den Wohlfahrtsstaat, von Arbeitslosengeld bis zu BAföG und Bausparprämien. Vereinfacht gesagt: In die traditionelle Gesellschaft und ihre Vorgaben wurde man hineingeboren (wie etwas in Stand und Religion). Für die neuen Vorgaben dagegen muß man etwas tun, sich aktiv bemühen. Hier muß man erobern, in der Konkurrenz zum begrenzte Ressourcen sich durchzusetzen verstehen - und dies nicht nur einmal, sondern tagtäglich. Die Normalbiographie wird damit zur ‚Wahlbiographie‘, zur ‚reflexiven Biographie‘, zur ‚Bastelbiographie‘.“ (Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim. Individualisierung in modernen Gesellschaften - Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie. In:  Beck, Beck-Gernsheim [Hg.]. Riskante Freiheiten, Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt a. M. 1994. S. 12, f.)


Sie erklären weiter:


„Die Individuen müssen, um nicht zu scheitern, langfristig planen und den Umständen sich anpassen können, müssen organisieren und improvisieren, Ziele entwerfen, Hindernisse erkennen, Niederlagen einstecken und neue Anfänge suchen. Sie brauchen Initiative, Zähigkeit, Flexibilität und Frustrationstoleranz. 
Chancen, Gefahren, Unsicherheiten der Biographie, die früher im Familienverbund, in der dörflichen Gemeinschaft, im Rückgriff auf ständische Regeln oder soziale Klassen definiert waren, müssen nun von den einzelnen selbst wahrgenommen, interpretiert, entschieden und bearbeitet werden. Die Folgen - Chancen wie Lasten - verlagern sich auf die Individuen, wobei diese freilich, angesichts der hohen Komplexität der gesellschaftlichen Zusammenhänge, vielfach kaum in der Lage sind, die notwendig werdenden Entscheidungen fundiert zu treffen, in Abwägung von Interesse, Moral und Folgen.“ (Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim. Individualisierung in modernen Gesellschaften - Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie. In:  Beck, Beck-Gernsheim [Hg.]. Riskante Freiheiten, Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt a. M. 1994. S. 15)

 

Diese unaufhaltsame Individualisierung führt zu der schockierenden Zusammenfassung:


„Mit dem Untergang der alten Koordinaten geht auf, was verteufelt und bejubelt, verlacht, heilig und schuldig gesprochen, totgesagt wurde: die Frage nach dem Individuum.“ (Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim. Individualisierung in modernen Gesellschaften - Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie. In:  Beck, Beck-Gernsheim [Hg.]. Riskante Freiheiten, Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt a. M. 1994. S.  20)


Beck und Beck-Gernsheim bleiben dabei die mögliche Lösung auf diese Frage nicht schuldig, und stellen dazu einhellig fest:


„Ein Zusammenbinden hochindividualisierter Gesellschaften ist - wenn überhaupt - zum einen nu durch die Einsicht in genau diese Lage möglich; zum anderen, wenn es gelingt, die Menschen für die Herausforderungen zu mobilisieren und zu motivieren, die im Zentrum ihrer Lebensführung präsent sind (Arbeitslosigkeit, Naturzerstörung usw.). Wo die alte Gesellschaftlichkeit ‚verdampft‘, muß Gesellschaft neu erfunden werden. Integration wird hier also dann möglich, wenn man nicht versucht, den Aufbruch der Individuen zurückzudrängen - sondern wenn man, im Gegenteil, bewußt daran anknüpft und aus den drängenden Zukunftsfragen neue, politisch offene Bindungs- und Bündnisformen zu schmieden versucht: projektive Integration.“ (Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim. Individualisierung in modernen Gesellschaften - Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie. In:  Beck, Beck-Gernsheim [Hg.]. Riskante Freiheiten, Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt a. M. 1994. S. 35)

 

Diese Individualisierung im Rahmen vorhandener Angebote (siehe: Ronald Hitzler. Sich die ICHs noch religiös? Ein kritischer Blick auf die Säkularisierung und Individualisierung. In: Nollmann, Strasser [Hg.]. Das individualisierte Ich in der modernen Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2004. S. 84) scheint nur individuell. Vielmehr handelt es sich um anerkannte Deutungsmuster für Person, Stand, Geschlecht und vieles mehr, die aus einem vorhandenen Angebot gewählt werden können. 


„Denn auch wenn der Einzelne ideologisch-ästhetische Entwicklungen typischerweise als je bereits vorhandene Optionen zur Übernahme und Aneignung erfährt, so ist doch er es, der entscheidet, ob er eine ‚Anregung‘ bzw. ein ‚Angebot‘ aufgreift und vor allem, wie - in welchen Ausmaß, in welcher Variante, in welcher Spezifizierung, in welchen Situationen, in welchen Kombinationen und mit welchen Konnotationen - er sie bzw. es adaptiert […]“ (Martin J. Gössl. Schöne, queere Zeiten?, Eine praxisbezogene Perspektive auf die Gender und Queer Studies. Bielefeld 2014. S. 137)


(c) Vielfaltsoktant von Martin J. Gössl
(c) Vielfaltsoktant von Martin J. Gössl

9. Vielfaltsoktant


Das Vielfaltsoktant ist ein grafisches Experiment, das die gesellschaftlichen Diversitätsdimensionen in ihrer Auswirkung und intersektionalen Mehrdimensionalität strukturiert darstellt. Alle drei Ebenen betreffen das Individuum permanent und zeitgleich in einer realen, aber auch virtuellen Performance. Darauf basierende Interpretationen externer Wahrnehmungen werden dann in tatsächliche Handlungsweisen mit entsprechender Vielfalt-Relevanz überführt.


1. Quadrant (interaktiv): Die persönlichen Merkmale wie Hautfarbe oder sexuelle Orientierung befinden sich im ersten, äußeren, sichtbaren Quadranten. Sie umfassen jene Faktoren, die von außen ersichtlich sind und eine nicht aufhebbare Auswirkung entfalten. Diese Dimensionen unterwerfen den wahrnehmbaren Menschen einer Fremdbestimmung und führen zu einer unweigerlichen (positiven oder negativen) Beurteilung. Manche dieser Dimensionen haben das Potenzial einer kurzfristigen bzw. mit individueller Energie durchsetzbaren Verdeckung, andere sind unverhüllbar: Ethnie, psychische/physische/kognitive Ressourcen, Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, Weltanschauung und Religion, Sozialisationsfaktoren.


2. Quadrant (sichtbar): Im zweiten, interaktiven Quadranten sind jene Dimensionen greifbar, die durch Interaktion eine entsprechende Auswirkung erfahren und unweigerlich Rückschlüsse verursachen. Diese Dimensionen sind erst auf den zweiten Blick erkennbar und bedürfen einer bewussten oder unbewussten Interaktion im realen oder virtuellen Kontext. Entsprechend der ersten Ebene sind diese Dimensionen aufbauend und bereits in Verbindung mit dem ersten Quadranten zu deuten. Sie sind niemals alleinstehend, sondern bereits wie die Dimensionen am Äußeren in einer ambivalenten Intersektionalität verhaftet: Wissensressourcen (Ausbildung, informelles Wissen), Erziehung, Denk- und Lebensort, Familienstand, Finanzressourcen, Machtressourcen (funktionale Positionen, gewählte Ämter etc.), Persönlichkeitsmerkmale (Introversion/Extroversion), Erfahrungsressourcen (praktisches Expertenwissen etc.).


3. Quadrant (interaktiv): Der dritte, konstruierte Quadrant umfasst Dimensionen eines sozialen Systems, welches sich auf formale Regeln beruft und die Anerkennung dieser Regeln durch eine Mehrheit verstanden weiß. Diese Regeln sind definiert und oftmals mit einer symbolischen Macht ausgestattet. Dieser konstruierte Quadrant suggeriert eine systemische Notwendigkeit der Hierarchisierung und Ordnung. Die Kriterien dieser Ordnung müssen dabei keineswegs nachvollziehbar oder fair sein, sondern lediglich weitreichend akzeptiert: Funktionen, Tätigkeitsfeld (Wissenschaftsdisziplinen, Arbeitsfelder etc.), systemische Zugehörigkeiten (welches Unternehmen, welche Hochschulen etc.), formale Positionen (Vertretungsmacht, Ehrenbezeichnungen, etc.), etc.


10. Abschließendes Fazit 

 

Die hier dargelegte Betrachtung bietet mit den drei Schwerpunkten Historie, Theorie und Daten klare Bezugspunkte zu unserer vielfältigen Welt. Die vorgetragenen Argumente beleuchten vorhandene gesellschaftliche Phänomene, ohne diese zu bewerten. Gerade der Aspekt der Bewertung führt in der akademischen und gesellschaftspolitischen Debatte um Vielfalt zu einer erheblichen Vernebelung, wodurch Faktisches oftmals an diskursiver Wirksamkeit verliert.
Die Frage, was Vielfalt bedeutet, wo sie beginnt und endet, ist nicht mit einer Statistik oder einer Geschichte politischer Bewegungen zu beantworten. Vielfaltsansätze werden durch eine Gemeinschaft in einen Ermessungsrahmen gesetzt und dabei einer allgemeinen Interpretation zugeführt. Frauenrechte, die Rechte von LGBTIQs oder Bürgerrechte sind Konstrukte eines gesellschaftspolitischen Verständnisses. Sie haben sich aufgrund sozialer Bewegungen, historischer Lehrmomente und eines Verständnisses demokratischer Partizipation zu Debatteninhalten entwickelt. Dabei handelt es sich um Prozesse, die nicht von nur einer Seite vollständig gesteuert werden und auch keine dauerhafte sowie unstrittige Annahme durch eine Mehrheitsgesellschaft gefunden haben. Es handelt sich vielmehr um breite Auseinandersetzungen, die in Parlamenten, auf den Straßen, in Wirtshäusern und an Küchentischen besprochen und entschieden werden. Solche Aspekte der Gleichstellung segmentieren Menschen in Gruppen, die Gründe für oder gegen eine Veränderung suchen, teilnahmslos beobachten, Solidarität fühlen oder die vorgebrachte Komplexität als Ärgernis aus dem Alltag verbannen. Jedenfalls betreffen die Themen Vielfalt alle, da sie täglich die Frage der hegemonialen Inanspruchnahme von Macht aufwerfen.

Die starken sozialen Bewegungen sowie die Vehemenz argumentativer Überlegungen verdeutlichen den engen Bezug zu gesellschaftlichen Machtstrukturen. Überlegungen zu Vielfalt und die Schaffung von Gleichbehandlung sind stets auch Strategien, die eine Verteilung von Macht und den Abbau von Machtgefällen zur Folge haben. Die Diversifizierung von Gremien, beispielsweise von Aufsichtsräten, bedeutet in erster Linie die Entmachtung spezifischer Gruppen, die mit diesen Funktionen betraut wurden. Die Achtsamkeit bei der Verteilung von körperlich schwerer Arbeit bedeutet hingegen eine kritische Beurteilung der Verteilung notwendiger, aber oftmals wenig prestigeträchtiger Tätigkeiten hinsichtlich Geschlecht, Migration, Sozioökonomie und vieles mehr. Es handelt sich dabei um unangenehme Blickwinkel, die niemanden unberührt lassen, sondern Arbeit, Partizipation, Mitbestimmung, Anerkennung und Teilhabe einer ehrlichen Breitendarstellung unterziehen. Die Aspekte von Vielfalt sind dabei situativ, historisch und gesellschaftspolitisch wandelbar und haben in einer authentischen Anwendung relevantes Potenzial zur Verunsicherung für alle.
Umso mehr darf die Debatte um Vielfalt nicht auf das faktenbasierte Element reduziert werden, oder noch schwerwiegender, eine spielerische Verniedlichung erfahren. Eine Strategie der Bagatellisierung des Konzepts von Vielfalt kann am erfolgreichsten dort wirken, wo Inhalte zugunsten diffuser Vermutungen und Nacherzählungen, Reflexionen zugunsten infantiler, spielerischer Auseinandersetzungen und dialektische Diskussionen zugunsten radikaler Monotonien ausgetauscht werden. Deshalb sind sowohl historische Erklärungen als auch theoretische Verortungen grundlegend wichtig. Nicht nur für eine Kontextualisierung, sondern vor allem für eine argumentative Nachvollziehbarkeit.


11. Vielfältige Übungen in der Gruppe

 

Vielfalt lässt sich auch erleben, meist besser in der Gruppe. Eine der wohl am häufigsten praktizierten Übungen, die nicht dem erklärten Zweck des Lernens dient, ist das Verreisen. Schon das Verlassen des eigenen Lebensbereichs reicht aus, um Vielfalt zu erfahren. Doch die hier folgenden drei Übungen in der Gruppe dienen dazu, jeweils für einen kurzen Moment Irritationen in der Wahrnehmung hervorzurufen um Vielfalt erkennbarer zu machen.

 

a) Plenar-Diskussion mit Abstimmung

 

Zu einem Thema (z. B. Geschlechterquote, Öffnung der Ehe, Special Olympics etc.) diskutieren zwei Gruppen, jeweils in pro und kontra Haltung. Jede Person in der Gruppe darf nur einmal zu Wort kommen, wobei die Redezeit auf eine Minute beschränkt ist. Die letzte Person hält ein Schlussplädoyer von zwei Minuten.
Die Gruppen dürfen sich vorbereiten, bevor das Plenum startet. Das Plenum darf nicht unterbrochen werden, daher sollten die Argumente flexibel gestaltet sein. Auf ein Pro-Argument folgt direkt ein Kontra-Argument. Nur die Person am Redepult dürfen sprechen, die übrigen Personen füllen den Plenarsaal und hören zu. Am Ende des Schlussplädoyers es kommt zu einer geheimen Abstimmung.

 

>> Nach dieser Debatte wird reflektiert, inwieweit ein Eingehen auf Argumente möglich war und an welchen Stellen die Ratio von einer Emotio überlagert wurde?


b) Spaziergang der Vielfalt

 

Die Personen werden in Kleingruppen (idealerweise Dreierteams) beauftragt, in ein bis zwei Stunden durch ein Stadtgebiet zu flanieren. Dabei können entsprechende geografische Mindestangaben gemacht werden (mindestens 2 km, mindestens 3 Bezirke etc.). Ein Protokoll mit verschiedenen Angaben dient als Anleitung, um diesen Spaziergang mit anderen Augen zu erleben. Folgende Fragestellungen sind dabei zu beachten: Welche baulichen Barrieren (öffentlicher Raum, Verkehrsmittel, Zugänge zu Geschäften etc.) sind ersichtlich? Welche kulturellen Normen (Werbethemen, Personendarstellungen, Hinweistafeln, Passantinnen/Passanten) begegnen einem? Wo (örtliche Gegebenheit) fühle ich mich (warum) wohl (wer ist noch vor Ort)? Wo musste ich zweimal hinsehen (Irritationen)?

 

>> Nach dem Spaziergang findet eine gemeinsame Diskussion mit allen Kleingruppen über die Protokolle statt um eine gemeinsame Analyse der Besonderheiten und der Beobachtungen zu erstellen.

 

c) Will-Kür 

 

Drei Personen aus der Gruppe erhalten jeweils einen kleinen Stein, ohne dass die anderen Gruppenmitglieder es bemerken. Die Aufgabe der Personen mit dem Stein ist es, von der Mehrheit als Einzelperson gewählt zu werden. Alle anderen Gruppenmitglieder haben die Aufgabe, eine Person zu wählen, die einen Stein in den Händen versteckt hält. Niemand darf nach dem Stein fragen und niemand darf zugeben, einen Stein zu besitzen. Ebenso wenig dürfen diejenigen ohne Stein kundtun, dass sie keinen besitzen. Niemand darf sich selbst zur Wahl melden, sondern muss von anderen vorgeschlagen werden. Alle dürfen für oder gegen eine Person argumentieren aber auch gerne mutmaßen. Nach einer unbestimmten Zeit muss eine Person gewählt werden, wobei eine normale Mehrheit ausreicht, um ein Ergebnis herbeizuführen.

 

>> In der Reflexion liegt der Fokus auf der Dynamik: Inwieweit wurde die Spekulation um die Steine zur Triebkraft für unkontrollierbare Prozesse? Wodurch wurde in der Gruppe Sicherheit für eine Entscheidung herbeigeführt?


Vorschlag zur Zitation: Martin J. Gössl. Vielfalt: Easy to handle, or not? Eine wissenschaftliche Abhandlung zur gesellschaftlichen Vielfalt aus eurozentrischer Perspektive. Online Skript, Graz 2025, https://martinjgoessl.jimdofree.com/publications/script